Am 9. Februar 2014 haben die Schweizer Stimmberechtigten mit knapper Mehrheit beschlossen, die Einwanderung in die Schweiz massiv zu begrenzen und Arbeit suchende Frauen und Männer nur noch nach zuvor festgelegten Quoten das Land betreten zu lassen. "Die Höchstzahlen", heißt es, gelten "unter Einbeziehung des Asylwesens", und: "Die Grenzgängerinnen und Grenzgänger sind einzubeziehen." Jenen, die Zutritt erhalten, wird überdies in Aussicht gestellt: "Der Anspruch auf dauerhaften Aufenthalt, auf Familiennachzug und auf Sozialleistungen kann beschränkt werden." Das alles steht von nun an in der Bundesverfassung, dem Grundgesetz. So verständlich das verbreitete Unbehagen über die hohe Einwanderung ist, so erschreckend erscheint der Gesetzestext in seinen Einzelheiten. Allerdings dürften ihn die wenigsten Wählerinnen und Wähler überhaupt studiert haben; sie folgten einfach der Parole "Keine Masseneinwanderung!".

In den gleichen Tagen jubelte die Schweiz über ihre ersten zwei Goldmedaillen bei der Winterolympiade in Sotschi: Der Langläufer Dario Cologna ist gebürtiger Italiener, 2001 wurde er Schweizer; der Snowboarder Iouri Podladtchikov ist gebürtiger Russe, den Schweizer Pass erhielt er vor sieben Jahren. Weil der für die Umsetzung des neuen Einwanderungsgesetzes vorgesehene Beamtenapparat den Menschen an der Grenze die zukünftigen Olympiasiege nicht wird ansehen können, dürfte sich der nationale Jubel in den nächsten Jahrzehnten etwas verringern.

Was hat das nun mit der Literatur in der Schweiz zu tun? Viel hat es damit zu tun. Die Literatur, die hier entstanden ist, hat nämlich die Landesgrenzen immer schon passiert. In beiden Richtungen. Deutsche Autoren, die ihr Jahrhundert prägten, sind in die Schweiz gezogen, um hier zu leben und zu arbeiten, oft bis zu ihrem Tod wie Rilke, Hesse und Thomas Mann. Und die Schweizer selbst sind ausgeschwärmt, haben in den Metropolen gelebt und geschrieben. Eine verblüffende Zahl der wichtigsten Romane aus der Schweiz ist so entstanden. In Berlin schrieb Gottfried Keller den Grünen Heinrich, schrieb Robert Walser Die Geschwister Tanner, Der Gehülfe und Jakob von Gunten – ein Monument des bürgerlichen Realismus der eine, eine unverwechselbare Intonation der frühen Moderne die drei andern. Max Frisch schuf seinen Stiller weitgehend in New York, den Gantenbein in Rom. Die Liste ließe sich verlängern. Auf ihr würde sich auch der bedeutendste Romancier der französischen Schweiz finden, Charles-Ferdinand Ramuz. Eine Parallele zeigt sich beim Bildhauer Alberto Giacometti, einem der größten des 20. Jahrhunderts, der sein Leben lang sowohl in Paris als auch in seinem Heimatdorf Stampa im Kanton Graubünden lebte. Es gibt einen geheimen Hang zu einer Spagat-Existenz bei den Schweizer Künstlern und Schriftstellern: Mit einem Bein steht man zu Hause und mit dem andern in einer Metropole oder in der Nähe zum Meer. Bei Max Frisch wird diese Haltung sogar zu einem verzweifelten Lebenstanz.

Was hat das nun mit der Abstimmung vom 9. Februar zu tun? Die Frage ist absurd, aber solange einem der Schock über den schwarzen Tag noch in den Knochen sitzt, will sie sich doch aufdrängen. Das Resultat war praktisch halbe-halbe. Mit 50,3 Prozent gegen 49,7 Prozent der Stimmen wurde die Abschottung des Landes beschlossen. Die Metapher vom Spagat zwischen Gegensätzen gilt also auch hier. Eine Struktur der kollektiven Mentalität scheint sich darin zu spiegeln. Offenbar will man beides, den angestammten Ort, die Wärme des Mutterschoßes, das wohlige Gewohnte einerseits und andererseits den Aufbruch, die kühne Fahrt, die Aventüren in der weiten Welt.

Als statistische Feststellung führt das nicht sehr weit. Aufschlussreich aber ist, wie sich diese Spannung in der Literatur konkretisiert. Eine zentrale Figur im Erzählen wie auch im Drama der Schweiz ist der Heimkehrer aus der Fremde. Gewiss, das findet sich auch anderswo, von Odysseus bis Hamlet, vom verlorenen Sohn bis Spiel mir das Lied vom Tod. Aber dass eine beträchtliche Zahl der wichtigsten Werke aus der Schweiz nicht nur von Heimkehrern erzählen, sondern den Moment an der Grenze und die Konfrontation mit den Daheimgebliebenen so dramatisch aufladen, dass ein förmliches Gericht über die Heimat entsteht, geht weit über das Zufällige hinaus. Dabei kann die Brisanz dieser Werke das schweizerische Setting sogar zur Nebensache machen. Dürrenmatts Besuch der alten Dame war das bittere Psychogramm des anschwellenden Wohlstands in den fünfziger Jahren, als alles vergangene Böse hinter den neuen Tapeten verschwinden sollte. Das Stück brachte den jungen Reichtum in eine kausale Beziehung zur verdrängten Schuld und wurde, als es rund um den Globus auf die Bühnen kam, in jedem Land auf je eigene, je angemessene Weise verstanden. Die Verankerung im spießig Schweizerischen war offenbar die Voraussetzung für die globale Wirkungskraft. Diese Dialektik zwischen dem penetrant Lokalen und dem Universalen gehört zu den irritierenden, bis heute nicht ganz durchschauten Gesetzen der Literatur. Ulysses wurde zum Roman des Jahrhunderts, obwohl er in den Eingeweiden einer der unbekanntesten Städte Europas spielte.