Der rundliche Mittvierziger steigt auf die Bühne, tritt ans Mikrofon – und die Kinder im bunt gemischten Publikum auf dem Zentralplatz in Biel halten sich die Ohren zu. Der zornige Mann mit dem dunklen Haar und der knolligen Nase spricht nicht. Nein, er schreit: "Der Profit frisst sich wie ein Geschwür in unser Privatleben! Dieses Geschwür gilt es auszumerzen!"

Es ist der 1. Mai 2012. Corrado Pardini, Geschäftsleitungsmitglied der Gewerkschaft Unia und SP-Nationalrat, peitscht der gewerkschaftlichen Linken ein: 100 Kilogramm Italo-Sanguiniker, 100 Dezibel Antikapitalismus. Wie Corrado Pardini von der Bühne schreit, scheint er aus der Zeit gefallen, wie auch der 1. Mai vielerorts nur noch Folklore ist; und lediglich Schlagzeilen macht, wenn in Zürich der Schwarze Block ein paar Schaufenster einschlägt.

Das wäre jetzt der Zeitpunkt, da Corrado Pardini einem vorhalten würde, man sei verblendet. Er hält alle für verblendet, die das Elend dieser Welt, das Elend dieses Landes nicht sehen wollen. Das Elend, dass die Reichen, die Wirtschaftsverbände und mit ihnen die Bürgerlichen einen Klassenkampf von oben führen. Er, Corrado Pardini, ist gekommen, um ihnen die Stirn zu bieten.

Also agiert er an vorderster Front für die Einführung eines gesetzlichen Mindestlohns. Wer Vollzeit arbeitet, muss vom Lohn auch leben können. Jeder Arbeitnehmer soll mindestens 4.000 Franken pro Monat oder 22 Franken pro Stunde verdienen. So will es eine Volksinitiative der Gewerkschaften, über die wir am 18. Mai abstimmen.

Diesen Urnengang hat Pardini schon lange herbeigesehnt. Endlich können Gewerkschafter und Sozialdemokraten wieder tun, wozu sie seit Jahrzehnten nicht mehr den Mut hatten: klassenkämpfen. Corrado Pardini hat wesentlich dazu beigetragen, den trägen Organisationen den Staub aus den Kitteln zu schütteln.

Doch alle Kämpfe fordern ihre Opfer, auch in den eigenen Reihen. Pardini weiss das selbst am besten.

"Er wollte schon als Kind immer gewinnen", sagt sein Bruder

1965 in Bern als zweiter Sohn toskanischer Einwanderer geboren, macht Corrado Pardini eine Maschinenschlosser-Lehre bei der Wifag. Die Firma produziert riesige Zeitungsdruckmaschinen. Zu Hause liest Klein Pardini die kommunistische Unità und den Corriere della Sera.

Eines Tages, es ist um Weihnachten, zählt Vater Pardini seinen 13. Monatslohn. Er fragt sich, weshalb nur er einen Dreizehnten erhalte, seine Kollegen aber nicht. Es sind diese kleinen und grösseren Ungerechtigkeiten, die Corrado Pardini bis heute nicht ertragen kann. Bemerkt er sie, wird er richtig wütend. Etwa, wenn das Gespräch auf die 330.000 Menschen kommt, die in der Schweiz für weniger als 22 Franken arbeiten müssen. Für ihn ist das ein Skandal.

Nach seiner Lehre besucht der junge Maschinenschlosser zwei Jahre lang das Wirtschaftsgymnasium. Er bricht es aber ab. Worauf ihm sein Vater zu verstehen gibt, dass er sich schnell einen Job suchen solle. Denn die Arbeit ist für die Pardinis nicht nur ein Wert an sich, sie ist nicht einfach ein Mittel zum Zweck: Arbeit verleiht einem Menschen seine Würde.

Seine Kindheit und das Familienleben haben Corrado Pardini geprägt. "Er wollte schon als Kind immer gewinnen", sagt sein Bruder Giorgio, der heute in Luzern Gewerkschafter und Politiker ist. Das ist bis heute so. Doch Pardini ist kein Guerillakämpfer, der nur da zuschlägt, wo er eine temporäre Überlegenheit kreieren kann. Nein, er steigt auch in Kämpfe, von denen er von Anfang an weiss, dass er sie nur verlieren kann.

Aber ihm, der sich nicht als klassischer Sozialdemokrat, sondern als Sozialist versteht, geht es nicht um die einzelne Schlacht. Es geht um den Krieg. Corrado Pardini will einen "zukunftsfähigen Sozialismus" schaffen.

Deshalb bewirbt er sich nach seinem Schulabbruch auf eine Stelle bei der Gewerkschaft Bau und Holz in Lyss. Sein Fussballtrainer hat ihn darauf aufmerksam gemacht. Dort, in der bernischen Provinz, startet Pardini seinen Feldzug gegen die Arroganz der Wirtschaft, die Trägheit der alten Gewerkschafter und die Salonlinken, die mit den Wirtschaftsleuten gern gut auskommen. So ist Pardini nicht: "Eleganz im Umgang ist etwas Schönes, aber mein Vokabular bestimmt mitunter die Gegenseite." Er sucht nicht das freundschaftliche Kräftemessen, das "Munele", wie man auf Berndeutsch sagt. Nein, Pardini sucht den Kopfstoss. Er ist ein Büezer, er will bei der Gegnerseite nicht dazugehören – bis heute nicht.