Sibylle Lewitscharoff wohnt in Berlin-Wilmersdorf, in einer Wohnung auf den letzten beiden Etagen eines sehr repräsentativen Altbaus. Man fährt mit einem historischen Aufzug hinauf, dem man Vertrauen schenken muss.

Die 59-jährige Schriftstellerin und ihr Mann, der Künstler Friedrich Meckseper, ein älterer, angenehm hektischer Herr, begrüßen einen im Eingangsbereich der Wohnung mit verbindlichem Händedruck. Meckseper zieht sich rasch in sein Atelier zurück, das in der ausnehmend großzügigen Wohnung auch seinen Platz hat.

Sibylle Lewitscharoff, die einen eigentümlich fröhlichen und zugleich souverän-gefassten Eindruck macht, regt an, das Gespräch in ihrem Arbeitszimmer zu führen, schlägt also die entgegengesetzte Richtung ihres Mannes ein, und so gehen wir einen beeindruckend langen Flur entlang, vorbei an allerlei verschlossenen Türen, bis wir schließlich in einem kleinen Raum an einem Tisch sitzen, auf dem eine Teekanne, Tassen, ein Notebook und – recht auffällig – ein altes grünes Telefon mit Wählscheibe stehen, das Standardmodell noch der achtziger Jahre. Sie habe die Angewohnheit, sagt Sibylle Lewitscharoff, Dinge, die tadellos funktionierten, nicht abzuschaffen.

Dieser Artikel stammt aus der aktuellen Ausgabe der ZEIT, die Sie am Kiosk oder online erwerben können.

Wir treffen uns auf dem Höhepunkt ihres Skandals. Mittlerweile hat wirklich jede Zeitung und ihr Onlineableger, jede Kultursendung im Fernsehen oder Radio über Sibylle Lewitscharoffs Rede im Staatsschauspiel Dresden berichtet – und die Autorin zumeist aufs Allerschärfste kritisiert. Die Einhelligkeit, mit der dies geschah, lässt sich kaum anklagen: Die vielfach mit Preisen ausgezeichnete Schriftstellerin, die erst vor wenigen Monaten mit dem Georg-Büchner-Preis geehrt wurde, dem bedeutendsten Literaturpreis des Landes, hatte vorletzten Sonntag auf ziemlich unglaubliche Weise über die letzten Dinge gesprochen, über Tod und Geburt – eine Rede, die sanft und berührend begann, da Lewitscharoff vom Selbstmord ihres bulgarischen Vaters, eines Gynäkologen, erzählte, als sie elf Jahre alt war, vom jenseitsgewissen Sterben ihrer Großmutter, vom zornigen Tod ihrer Mutter; eine Rede, die dann aber geradezu kurios entglitt: Sibylle Lewitscharoff nahm sich nämlich, zu ihrem Unglück, gegen Ende des Vortrags auf polemische Weise die künstliche Befruchtung und die pränatale Diagnostik vor, nannte Fortpflanzungsmediziner "Frau Doktor und Herr Doktor Frankenstein". Sie sagte, das "gegenwärtige Fortpflanzungsgemurkse" sei vergleichbar mit den "Kopulationsheimen" der Nazis und im Zuge des medizinischen und wissenschaftlichen Fortschritts trete eine Selbstermächtigung der Frauen über ihren Körper zum Vorschein, die verachtenswert sei – überhaupt stehe die Frauenbewegung in der Tradition der "verblendeten, zutiefst deutschen Frauentümelei mit unsauberen Ahnenfiguren wie der Reichsfrauenführerin Gertrud Scholtz-Klink und der in frauenbewegten Kreisen immer noch hochverehrten Leni Riefenstahl".

"Ich bin keine Frauenhasserin. Ich bin auch nicht homosexuellenfeindlich"

Bis dahin hätte man Lewitscharoffs religiös inspirierte Ausführungen ("mein Schicksal liegt in Gottes Hand und nicht in meinen Händen"), in denen allerhand zusammenkam (Nazis, Leihmütter, Feminismus, Sterbehilfe und so weiter), durchaus noch einreihen können als einen etwas rustikal geratenen, aber nicht unbedingt skandalträchtigen Beitrag über die Hybris des Menschen, der sich mithilfe der Biotechnologie zum Schöpfergott macht – ein Thema, dem sich zivilisationskritisch unter anderem Houellebecq und Habermas angenommen hatten. Doch Lewitscharoff sprach während ihrer Rede, die immer feuriger geriet, schließlich von ihrem "Abscheu" vor den "Halbwesen", die aus künstlicher Befruchtung hervorgehen: "Nicht ganz echt sind sie in meinen Augen, sondern zweifelhafte Geschöpfe, halb Mensch, halb künstliches Weißnichtwas." Was als biografisch intonierte Erzählung und robuste Gesellschaftskritik begann, endete in Beleidigungen, die nicht nur, aber vor allem Betroffene kaum ertragen können. Und es machte den gesamten Vorgang natürlich trotzdem nicht appetitlicher und zu einer sehr deutschen Angelegenheit, dass man in Lewitscharoffs Entgleisungen mit sprungbereiter Aggression sofort "Klerikalfaschismus", "Volksverhetzung" und "Rassismus" erkannte, als hätte sich der "Führer" aus der Hölle zu Wort gemeldet.

Von zahlreichen Kritikern wurde Lewitscharoff zur Erzkatholikin gemacht, obgleich sie protestantisch ist. Natürlich fehlte es kurz darauf hier und da auch nicht an jenen Stimmen, die mahnten, es mit der Political Correctness bitte schön nicht allzu scharfschützenhaft zu halten. Kurzum: Was sich in den vergangenen Tagen ereignete, war das gut geölte Routinegeschäft sogenannter Debatten, die derzeit in einer derart inflationären Regelmäßigkeit stattfinden, dass man die einzelnen Skandale journalistisch kaum noch ordentlich abrunden kann.