Von diesem Vorschlag ist die Plattenfirma alles andere als erfreut. Das können wir nicht machen, Frau Kermes, heißt es, wie sieht das denn aus? Ja, wie sieht es aus? Ziemlich obszön, um ehrlich zu sein, eigentlich regelrecht pornografisch. Wie eine Vagina, in, nun ja, erregtem Zustand. Und doch ist es keine, natürlich nicht, wie käme eine seriöse Sopranistin dazu, mit derartigen Fotos für sich zu werben. Ein Feuchtgebiet tut sich da vor dem Auge auf, glänzende Schleimhäute, feinste Äderchen, stramme Sehnen, glattes Bindegewebe. Und in der Mitte prangen zwei kleine weißlich-gräuliche Muskeln, über die man sich, wenn sie nicht tatsächlich an die weibliche Scham erinnern würden, nicht groß entsetzen müsste – als Betrachterin nicht und als Plattenfirma erst recht nicht. Denn sie sind des Labels Kapital. Stimmlippen heißen sie, Stimmlippen wie Schamlippen, etwas unverfänglicher auch Stimmbänder genannt.

Die Fotos zeigen Simone Kermes’ Instrument. Und was sie Sony vorgeschlagen hatte, war bloß, ihr Instrument im Booklet ihrer neuen CD (Bel Canto – from Monteverdi to Verdi) doch einmal abzubilden. Ist der Geiger nicht meistens mit Geige zu sehen, der Pianist mit Flügel, der Dirigent mit Orchester? Laryngologisch hätte sowieso nichts gegen eine Veröffentlichung gesprochen: Blitzsauber sehen sie aus, die Stimmbänder, makellose Ränder, die makellos schließen, kein Schleim, kein Schatten, kein nichts. Genau so soll es sein.

"Fans saugen dich aus, ziehen dich aus – und geben oft nichts zurück"

Irgendwann hat irgendwer Simone Kermes das blöde Etikett "The Crazy Queen of Baroque" verpasst (mindestens so beliebt: "Nina Hagen der Klassik") – weil sie sagt, was sie denkt, und denkt, was sie fühlt, weil sie aus dem Osten kommt, ja, das auch noch, ihre Haare lange feuerrot färbte und jede Menge schrille Musik sang, vorzugsweise von alten Italienern, deren Namen kaum einer kannte (Caldara, Bononcini, Porpora).

Ihrer Stimme scheint dieser Hang zum Exzessiven, Exhibitionistischen nicht geschadet zu haben, im Gegenteil. Sonst sähen die Lippen nicht aus, wie sie aussehen. Sonst würden die Koloraturen von Mozarts Königin der Nacht auf der Bel Canto-CD nicht so lupenrein und nadelfein perlen, und aus Bellinis Casta diva würde piano, pianissimo nicht der pure Irrwitz funkeln. Überhaupt wäre die Emphase, mit der Kermes sich in jedes neue Projekt stürzt, nicht halb so bestrickend.

Diese Emphase vor allem ist es, die einen einnimmt – für eine Sängerin, die weder über eine besonders große noch über eine besonders schöne Stimme verfügt, und was die schiere Virtuosität betrifft, sind andere bestechender. Die Beherztheit des Zugriffs aber, das Sich-zu-eigen-Machen eines Repertoires, darin macht Kermes so schnell keiner etwas vor. Insofern ist die Sache mit dem Kehlkopfspiegelfoto schon auch typisch und konsequent.

Mitte Februar, wir sitzen im Wiener Café Sperl, und es dauert keine fünf Minuten, bis Simone Kermes zum ersten Mal das Wasser in den Augen steht. Schon will man tröstend den Arm um sie legen: Ist das Sentimentale nur eine Spielart des professionell Aufgedrehten, das Angefasste, leicht zu Erschütternde immer und überall die Kehrseite der "lustigen Person"? Dann hätte die "Crazy Queen", deren Lieblingsvokabel "verrückt" ist und die später sagen wird, dass sie viel leide für die Musik, emotional und ganz lebenspraktisch, auch eine andere, dunkle Seite. Immer schon gehabt. Nur wurde die bislang so gut wie nicht bemerkt. Weil das Schrille, Grelle, Knallige alle Aufmerksamkeit auf sich zog, naturgemäß, auch musikalisch. Das Interessante an einem Igel aber, pflegt die Komponistin Adriana Hölszky zu sagen, seien nicht die Stacheln, sondern das Weiche.

Am Abend zuvor war am Theater an der Wien die Premiere von Rameaus satirischer Oper Platée, mit Kermes als La Folie (die Tollheit), eine kleine Rolle, die sie angenommen hat, um sich im französischen Fach auszuprobieren – und weil ihr Robert Carsen, der Regisseur, Kostüme à la Lady Gaga versprach. Die hat sie tatsächlich bekommen, mal wird La Folie in Stanniol gewickelt, mit einer Platinmähne bis in die Kniekehlen, mal blitzen unterm aufgeklappten Reifrock pinkfarbene Strapse, oder es klimpern handtellergroße Pailletten um ihre Hüften, und eine Revuetreppe gibt es auch. Womit die Identität von Rolle, Allegorie und Darstellerin gewahrt wäre – und das Crazy -Kermes-Klischee gleich mit. Sängerisch freilich kündigt sich ein Dissens an – unüberhörbar, dass sich die dramatische Koloratursopranistin bei Rameau nicht recht wohlfühlt. Sei es, dass William Christie, der Dirigent, sich kurz vor der Premiere einer Herz-OP unterziehen musste und durch einen Assistenten ersetzt wurde, worunter der "Spirit" des Barockmusikmachens, die Lust am Risiko, hörbar leidet; sei es, dass ihr das Ganze zu artifiziell ist, zu manieriert, zu affektbetont. Für den französischen Barock braucht man, anatomisch gesprochen, ein spitzes Mündchen. Simone Kermes, die gebürtige Sächsin, ist da eher auf der breiten, gutturalen Seite zu Hause. Was man nicht nur hört, wenn sie spricht.