Wie oft wünscht sich Ursula Kraft, sie könnte an mehreren Orten gleichzeitig sein. Aber weil sie das beim besten Willen nicht schafft, hat sie neben ihrer Bürotür kleine Plastikschilder griffbereit, die sie an die Tür pappt, bevor sie hinauseilt. "Ich komme gleich wieder" steht darauf, "Ich bin im Lehrerzimmer", oder "Ich bin im Trainingsraum". Zehn Schilder insgesamt. Manchen Lehrern und Schülern ist das nicht genug, sie würden Frau Kraft am liebsten eine elektronische Fußfessel verpassen, um sie noch schneller zu finden.

Ursula Kraft ist Schulsozialarbeiterin an einer Hauptschule in Aplerbeck, im Süden Dortmunds. Ein kastenförmiger Bau, drei Stockwerke hoch, verkleidet mit Waschbetonplatten. 295 Schüler, 16 Klassen, plus eine Förderklasse für Einwandererkinder. Deren Anteil ist überschaubar, er liegt bei nur 20 Prozent. "Aplerbeck ist ein bürgerliches Viertel", sagt der Rektor Elmar Schebaum. Viele der Schüler kämen an die Emscherschule, weil sie es nicht an eine andere Schule schaffen würden, aber trotzdem sei die Schule weit entfernt davon, eine Brennpunktschule zu sein.

Trotzdem kann und will er nicht mehr auf Ursula Kraft verzichten. Um auf einen Blick deutlich zu machen, warum das so ist, hat er eine Liste ihrer Aufgaben parat – es sind vier DIN-A4-Seiten, über fünfzig Einzelpunkte. Darunter: Elterngespräche, Unterstützung bei Mobbingvorfällen, Hausbesuche, Zusammenarbeit mit dem Jugendamt, Essensbestellung, Suchtprävention ... Aufgaben, die zunehmen. Aufgaben, die Lehrer im Schulalltag nicht erfüllen können. Man kann getrost sagen, die Sozialarbeiterin ist eine Säule der Emscherschule.

Und doch wackelt ihre Stelle. Eingerichtet wurde sie im Zuge des sogenannten Bildungs- und Teilhabepakets, das der Bund im Herbst 2011 aufgelegt hat. 400 Millionen Euro jährlich haben Länder und Kommunen bekommen, um Familien mit geringem Einkommen zu unterstützen. Das Geld ermöglichte den Schulleitern, endlich das zu tun, was sie schon lange tun wollten: Sozialarbeiter einzustellen.

Diese Finanzierung über das Bildungspaket ist im Januar ausgelaufen. Nun ist in vielen Bundesländern kein Geld mehr da, um Menschen wie Ursula Kraft zu bezahlen. Besonders drastisch ist die Lage im klammen Nordrhein-Westfalen, dort stehen rund 1500 Stellen auf der Kippe. Allein in Dortmund sind es 80. Seit einigen Monaten laufe ein "Schwarzer Peter- Spiel", sagt der Rektor: Bund, Land und Kommunen versuchen, dem jeweils anderen die Anschlussfinanzierung aufzubürden.

Ursula Kraft sitzt in ihrem Büro im Erdgeschoss, vom Fenster aus sieht sie auf den Pausenhof. Es ist Mittagszeit, sie hat eine halbe Stunde Zeit, um von ihrer Arbeit zu erzählen. Die langen grauen Haare hat die 49-Jährige zu einem lockeren Zopf gebunden, die Lesebrille liegt vor ihr auf dem Tisch. Sie lächelt matt, aber freundlich. Ihre Woche hat über 40 Stunden, von halb acht Uhr morgens bis um vier Uhr nachmittags ist Kraft in der Schule. Auf dem Heimweg wird sie oft an der Bushaltestelle noch von Schülern abgefangen, die jemanden brauchen, der ihnen zuhört. Zu ihr kommen Schüler, die von ihren Klassenkameraden im Internet beschimpft werden, und andere, die sich zu Hause täglich mit ihren Eltern anschreien. Derzeit ist sie vor allem damit beschäftigt, eine Ausreißerin zu überreden, nach Hause zurückzukehren und wieder in die Schule zu gehen. Die Sozialarbeiterin ist die Einzige, mit der die Schülerin reden will. Feierabend hat Ursula Kraft erst, wenn sie zu Hause die Tür hinter sich zugemacht hat.

Es sei schon merkwürdig, sagt sie: "Alle sagen einem, wie wichtig die Arbeit ist, die man macht – aber dann ist kein Geld dafür da."

Viele versuchen, dem Bund eine Weiterfinanzierung abzuringen. Eine Landesarbeitsgemeinschaft Schulsozialarbeit hat sich gegründet, die in einer Petition die Bundeskanzlerin und ihre Koalitionspartner Horst Seehofer und Sigmar Gabriel aufforderte, Sozialarbeiter weiter zu finanzieren. Auch die Landesregierung und die Grünen in Nordrhein-Westfalen wandten sich an das Bundesarbeitsministerium. Bislang ohne Erfolg.

Sogar die Schüler in Aplerbeck haben Briefe an die Politiker geschrieben. Ursula Kraft hat diese kopiert, sie steht auf und holt sie aus ihrer Schreibtischschublade. "Sehr geehrte Politiker", beginnt einer, "wir haben gehört, dass Sie die Sozialarbeiterinnen abschaffen wollen. Wir protestieren dagegen, weil sie immer für die Schülerinnen und Schüler da sind. Wir brauchen sie dringend." In einem anderen heißt es: "Sie kümmern sich um die Streitschlichtung, sie helfen den Eltern, die finanzielle Probleme haben, sie planen den Ganztag." Eine Schülerin bringt es so auf den Punkt: "Ich könnte mir meine restliche Schulzeit kaum ohne Frau Kraft vorstellen. Ohne sie wäre ein Großteil der Lehrer aufgeschmissen. Schule ohne Sozialarbeit geht nicht mehr!!"

Aber warum eigentlich – warum funktioniert Schule heute nicht mehr ohne Sozialarbeiter? Stellt man diese Frage Sabine Dreesbeimdiek, seit 28 Jahren Hauptschullehrerin für Mathematik und Sport und seit zwei Jahren an der Emscherschule, bekommt man einiges zu hören: "Weil in vielen Familien grundlegende Regeln für eine gelingende Gemeinschaft nicht mehr vermittelt und Kinder vernachlässigt werden, weil die häusliche Gewalt zunimmt." Das schwappe alles über in die Schule. Kinder wüssten nicht mehr, wie man sich benehme. "Die Lehrer schaffen es nicht mehr, sich um all das auch noch zu kümmern", sagt Dreesbeimdiek. "Würden sie es tun, würden sie nicht mehr zum Unterrichten kommen."

Ursula Kraft kann dazu eine Geschichte aus der Nachmittagsbetreuung erzählen, "nur als Beispiel". Eine Betreuerin, noch Studentin, kam aufgeregt zu ihr ins Büro gerannt: Ein Schüler, 8. Klasse, hatte sich im Klassenzimmer übergeben. Und zwar nicht etwa, weil ihm schlecht war – sondern weil er das Nachmittagsangebot "einfach zum Kotzen" fand. Sagte es und steckte sich den Finger in den Hals.

"Wir Sozialarbeiter sind immer die Feuerwehr", sagt Ursula Kraft. "Aber eigentlich sollten wir viel früher eingreifen, bevor es brennt." Die Zeit für Prävention sei aber nicht da. Dafür wäre noch eine weitere Stelle notwendig. Und daran ist zurzeit an der Emscherschule nicht zu denken.

Manchen Kommunen in Nordrhein-Westfalen ist es jetzt gelungen, die Gelder zu strecken, in anderen Städten mussten die ersten Sozialarbeiter entlassen werden. In Dortmund gab es jetzt zwar etwas Aufschub, die Stadt will die Finanzierung für ein weiteres Jahr übernehmen. Längerfristig planen kann Ursula Kraft damit nicht. Wenn sie ins Grübeln kommt, wie und wo es bei ihr weitergeht, dann liest sie die Briefe ihrer Schüler.