DIE ZEIT: Frau Cuevas, Sie arbeiten seit 41 Jahren in Altamira und sind heute Teamleiterin des Servicepersonals im Museum, das zur Steinzeithöhle gehört. Die Höhle selbst haben aber auch Sie lange Zeit nicht betreten können. Wie war das Wiedersehen?

Maria Luisa Cuevas: Ich war sehr aufgeregt, voller Vorfreude! Die Höhle ist ja 2002 geschlossen worden, weil der große Besucherandrang den Malereien zu sehr geschadet hat. Bis 2004 habe ich noch hin und wieder Techniker in die Höhle begleitet, die sich um ihren Erhalt kümmern. Aber seitdem sind schon zehn Jahre vergangen ...

ZEIT: Jetzt durften fünf glückliche Touristen zusammen mit Ihnen die berühmten Höhlenmalereien besichtigen.

Cuevas: Wir machen gerade ein Experiment: Bis August losen wir unter unseren Museumsbesuchern jede Woche fünf Leute aus, die in die Höhle dürfen. Die Namen werden aus einer durchsichtigen Urne gezogen, was natürlich spannend ist – alle wollen die Auserwählten sein! Am ersten Tag waren es 83 Namen ...

ZEIT: Fünf aus 83 – da stehen die Chancen gar nicht so schlecht.

Cuevas: Das war beim ersten Mal so. Man muss aber bedenken, dass wir im Frühjahr nicht so viele Besucher haben. Mal sehen, was hier in einem Monat los ist. Wir losen an unterschiedlichen Wochentagen und zu unterschiedlichen Uhrzeiten aus, um Besucheraufläufe und Mauscheleien zu vermeiden. Wer in den kommenden Monaten Altamira besucht, wird sich überraschen lassen müssen.

ZEIT: Warum erlauben Sie den Zutritt überhaupt wieder? Ende der siebziger Jahre wurde die Höhle schon einmal gesperrt, danach hat man nur kleine Gruppen eingelassen, aber offenbar vertragen die Malereien auch das nicht.

Cuevas: Bisher ist es ja, wie gesagt, nur ein Experiment. Während der Besuche, die nicht länger als 37 Minuten dauern dürfen, messen unsere Techniker unter anderem die Temperaturveränderungen der Luft und des Felsens, die Luftfeuchtigkeit, den CO₂-Gehalt und die mikrobiologische Kontamination. Im August, wenn die Studie beendet ist, werden sie uns dann sagen, ob wir die Höhle tatsächlich öffnen können oder ob sie weiterhin geschlossen bleiben muss.

ZEIT: Seit 2001 gibt es im Museum auch einen originalgetreuen Nachbau, die Neocueva. Wenn Sie jemandem die Augen verbinden und ihn in beide Höhlen führen würden – fiele der Unterschied überhaupt auf?

Cuevas: Sie sind tatsächlich gleich. Wobei man Einzelheiten in der Neocueva sogar besser erkennt, weil der Boden zehn Zentimeter tiefer gelegt ist und man so entspannter die Decke betrachten kann. Es ist schon mehrfach vorgekommen, dass mich Besucher nach einer Führung durch die Neocueva verwundert gefragt haben: Ach, das war jetzt gar nicht die Originalhöhle?

ZEIT: Wenn der Nachbau so gelungen ist – warum lohnt es sich dann trotzdem, die Originalhöhle anzusehen?

Cuevas: Weil es ein ganz anderes Gefühl ist, vom ersten Schritt an: die Dunkelheit, die Feuchtigkeit, die Temperatur ... zu wissen, dass die Menschen damals wirklich hier gelebt und diese Bilder gemalt haben, das ist – anders.

ZEIT: Man fühlt sich wie ein Forscher?

Cuevas: Genau, und man ist auch wie einer angezogen. Wir hatten alle weiße Schutzanzüge mit Kapuze an, Schutzmasken für den Mund und steriles Schuhwerk aus Gummi. So haben wir die Höhle betreten. Die Stille dort ist fast vollkommen. Wir haben wenig geredet. Und stattdessen die Malerei bewundert, beleuchtet von meinem LED-Strahler und den kleinen Taschenlampen, die alle dabeihaben. Es klingt abgedroschen, aber: Man spürt das Gewicht der Geschichte.

ZEIT: Picasso hat einmal über den künstlerischen Wert der Höhlenmalereien gesagt: "Nach Altamira ist alles Niedergang." Spüren das auch die Besucher?

Cuevas: Ja, das kommt bei ihnen an. Auch ich war wieder überwältigt, obwohl ich schon so oft in der Höhle war. Einem der Besucher musste ich hinterher noch einmal die Neocueva zeigen, in allen Einzelheiten. Er will jetzt in Frankreich auch andere Höhlen mit Steinzeitmalereien besichtigen. Die Malereien mit diesen strahlenden Farben sind spektakulär!