Es gibt in ganz Deutschland wohl kaum einen anderen Ort, der so provinziell und zugleich so international ist wie Clausthal-Zellerfeld. Das Bergbaustädtchen liegt abgeschieden im Harz, rund 70 Kilometer von der nächsten Großstadt Göttingen entfernt, und sieht mit seinen bunt lackierten Holzhäusern fast schon aus wie Bullerbü.

Früher haben sie hier in den Minen nach Silber geschürft, heute kann man an der Technischen Universität (TU) studieren, wie man Maschinen baut, Unternehmen führt und Rohstoffe recycelt. Über 4.600 Studenten sind an der Uni eingeschrieben, das ist mehr als ein Drittel der Einwohner. Und wer die Hauptstraße im Ort entlanggeht, sieht Chinesen, Iraner, Kameruner und Mexikaner. Eingehüllt in dicke Daunenjacken, laufen sie zu ihren Lehrveranstaltungen. "Vorlesungen sind bei uns wie UN-Vollversammlungen", sagt TU-Präsident Thomas Hanschke. Knapp 28 Prozent der Studenten kommen aus dem Ausland, bei den Studienanfängern sind es sogar 37 Prozent. Keine andere Universität bundesweit hat einen höheren Anteil an ausländischen Studierenden.

Die TU Clausthal ist so, wie sich Politiker die Hochschulen im ganzen Land wünschen: weltoffen und multikulturell. Bund und Länder haben im vergangenen Jahr eine Strategie zur Internationalisierung der Hochschulen verabschiedet, mit einem ehrgeizigen Ziel: Bis zum Jahr 2020 soll sich die Zahl der ausländischen Studenten von jetzt 300.000 auf 350.000 erhöhen. Im Koalitionsvertrag hat die Bundesregierung dieses Ziel ausdrücklich bekräftigt. Das ist deshalb besonders bemerkenswert, weil es einer der ganz wenigen konkreten hochschulpolitischen Punkte im Regierungsprogramm ist. Bundesbildungsministerin Johanna Wanka (CDU) soll jetzt mehr junge Menschen zum Studieren und Arbeiten ins Land holen.

Aber warum eigentlich? Es gibt keinen Mangel an Studenten, im Gegenteil: Noch nie studierten so viele Menschen an deutschen Hochschulen wie jetzt. Wozu die ohnehin überfüllten Seminare noch zusätzlich vollstopfen? "Ausländische Studenten sind eine enorme Bereicherung für das Wissenschaftssystem", sagt Margret Wintermantel. "Deutsche Studierende profitieren davon, wenn sie sich mit Kommilitonen aus anderen Ländern austauschen können." Sie muss das sagen – sie ist die Präsidentin des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD), der die Internationalisierungsstrategie umsetzen soll. Entscheidender ist, was sie dann noch hinzufügt: "Wir brauchen die Zuwanderung von Talenten auch, um unsere Innovationsfähigkeit zu erhalten."

Der viel zitierte Fachkräftemangel. Spätestens von 2020 an sollen die Studentenzahlen wieder sinken. Dann kommen geburtenschwache Jahrgänge an die Unis – und von dort in die Unternehmen. Schon jetzt werben Firmen Fachkräfte mit großem Aufwand aus dem Ausland an. Warum sie also nicht schon früher ins Land holen?

Etwa vier Millionen mobile Studenten gibt es weltweit – und einen internationalen Wettbewerb um die besten Talente. Deutschland ist es in den vergangenen Jahren gelungen, immer mehr von ihnen zu gewinnen. 2013 kamen etwa 220.000 Ausländer zum Studium ins Land, im Jahr 2000 waren es noch 110.000. Die meisten kommen aus China, gefolgt von Russland, Österreich und Bulgarien. Sie wollen in Deutschland studieren, weil dies ein hoch technisiertes Land ist und weil sie sich von dem Studium bessere Berufschancen versprechen, zeigt eine Befragung des Deutschen Studentenwerks. Auch der gute Ruf der Hochschulen spielt eine Rolle und die Tatsache, dass das Studium – anders als in anderen Ländern – hierzulande auch für ausländische Studenten kostenfrei ist.

Shengkai Yu etwa studiert seit dem Sommer 2012 Geoumwelttechnik an der TU Clausthal. Den Ort kannte der 22-Jährige aus Sichuan nicht, aber er wollte nach Deutschland. "Die Ingenieurtechnik ist die beste der Welt", sagt er. Er findet es toll, dass die TU Clausthal so klein ist und dass die Professoren, anders als in China, Zeit für ihn haben.

Dafür gibt der Staat pro ausländischem Studenten jährlich etwa 13.000 Euro aus. Das hat kürzlich die Prognos-Studie im Auftrag des DAAD ergeben. Diese Investition ist allerdings eine Wette auf die Zukunft: Wenn einer nach dem Abschluss in seine Heimat zurückkehrt, ist das Geld verloren. Wenn er aber bleibt und hier arbeitet, lohnt sich das gleich mehrfach – für den Staat, der Steuern einnimmt, für die Sozialkassen und für die Firmen. Die Rechnung geht jedoch nur auf, wenn mindestens 30 Prozent der Absolventen mindestens fünf Jahre im Land bleiben, zeigt die Prognos-Studie. Also sollten Politik, Wissenschaft und Wirtschaft alles daransetzen, ausländische Studenten nicht nur anzuwerben, sondern auch zu halten. Doch genau daran hapert es noch. Im Moment bleibt nur jeder vierte, und das, obwohl die rechtlichen Rahmenbedingungen dafür gelockert worden sind.

Das liegt auch daran, dass zu viele ausländische Studenten im Studium scheitern. Knapp jeder zweite Bachelorstudent, der nach Deutschland kommt, bricht sein Studium ab. In einigen Studiengängen sind es sogar über 60 Prozent. Die Gründe dafür sind oft mangelnde Sprachkenntnisse und fachliche Überforderung.