Eine Erzählung, die anhand einer Matratze episodenhaft durch das 20. Jahrhundert schlaglichtert? So absurd die Grundkonstellation von Aus dem Leben einer Matratze bester Machart auch klingen mag, was Tim Krohn hier zusammenschnürt, ist schier brillant und mithin das unbedingte Gegenteil zu Heerscharen beliebiger Episodenromane. Entgegen allen Bedenken wird die Matratze erzählerisch nicht überstrapaziert, sondern verblasst recht schnell hinter ihrer Stellvertreterfunktion als Bühne für kleine Episoden, die sich auf und neben ihr abspielen. Und dennoch erlaubt die Fokusverschiebung auf das Bettstück dem Schweizer Schriftsteller, disparate Zeiten und Milieus raffiniert ineinanderzublenden.

Ganz bewusst kitzelt der Einstieg das im Titel mitschwingende Versprechen auf einen frivolen schnitzlerschen Reigen: Alles beginnt im Tessin mit dem Unternehmer Immanuel Wassermann, der sich Hals über Kopf in die sizilianische Kellnerin Gioia verliebt. Man heiratet überstürzt, vollzogen wird die Ehe in einer Pension auf der Rückreise nach Berlin. Leider bleibt auf der Matratze ein Blutfleck mit "unterschiedlichen Gewässertiefen, Strömungen und Inseln, deren größte tatsächlich, und zwar bis hin zur Landzunge vor dem Golf von Kalifornien und den Sandwichinseln am Kap Hoorn, dem amerikanischen Kontinent glich".

Doch jäh knickt diese Liebesgeschichte ab: Man schreibt das Jahr 1935, und Wassermann ist Jude. Sein Schlafuntersatz mit den geronnenen Umrissen Amerikas auf dem Drillich taucht im Schweizer Grenzland auf und setzt von dort seine Irrfahrt fort. Über Italien und Frankreich, von den dreißiger bis in die neunziger Jahre.

Auch wenn Krohns freundlich gesetzter, beinahe großväterlicher Ton es nicht vermuten lässt: Hier will jemand von Europa erzählen! Das signalisiert überdeutlich die munter Grenzen überquerende Matratze mit dem Verweis auf Amerika als verheißungsvollen Gegenentwurf zum Alten Kontinent. Und genau so muss man es anstellen! Niemand will mehr großspurige Ableitungen der europäischen Idee aus den historischen Zerwürfnissen des 20. Jahrhunderts lesen. Oder, noch schlimmer, den ganz großen Bogenschlag zu Zeus als liebestollem Stier. Solch gestelzte Überbauvorhaben rüstet Krohn runter auf eine entspannte, lebensnahe Version Europas, irgendwo zwischen Schicksalsgemeinschaft und nachbarschaftlichem Arrangement.

Zudem beherrscht es dieser Autor meisterhaft, das Lebensgefühl der verschiedenen Zeiten durch ihre Objekte sprechen zu lassen. Und er zieht noch einen zweiten Boden ein: Umgekehrt exponentiell verläuft die Abnutzung der Matratze zur fortschreitenden Erzählung, statt in den Schlafzimmern junger Paare liegt das gute Stück irgendwann neben Roms Stadtautobahn. Wenn am Schluss das Mittelmeer die Überreste der Matratze dem alten Immanuel Wassermann vor die Füße spuckt, Matratze und Besitzer in ihrer Vergänglichkeit in eins fallen, entpuppt sich diese Federkern-Odyssee auch noch als kunstvoll komponiertes Vanitas-Gemälde: ein tolles Kleinstpanorama allerbester Machart.