ALSdie alte Dame den Raum betritt, sagt sie so etwas wie "Uuh – Uuh". Es ist kein echtes Stöhnen. Das klassische Stöhnen ist ja ein unwillkürlicher, körperlicher Ausdruck. Hier jedoch handelt es sich um ein kontrolliert artikuliertes Stöhnen, das man wie einen grammatisch vollständigen Satz einsetzt, um die Lage erst mal grob zu umreißen. Toni Morrison ist 83 Jahre alt, da dürfte man schon mal aus vollem Herzen ächzen. "Heute kein so guter Tag?", fragt der Besucher. "Kein Tag ist ein guter Tag", antwortet Morrison mit einer solchen souveränen Objektivität, dass es nichts Elegisches hat. Der Satz ist unmissverständlich, verbittet sich Schönfärberei, aber ist auch frei von Larmoyanz.

Toni Morrisons City-Apartment in New York liegt in einem Haus in Soho, das im Erdgeschoss einen sogenannten media room hat. Offensichtlich leben hier Leute, die öfter Interviews geben und auf diese Weise keine Journalisten in die eigenen vier Wände vorlassen müssen. Im Kamin flackert eine lautlose Gasflamme, und Toni Morrison versinkt im Sofa. Eigentlich verbringe sie ihre Tage in ihrem Landhaus am Hudson, aber New York locke sie noch immer, obwohl ihr eigentlich die Kraft fehle, noch richtig mitzumischen. Da gebe es zum Beispiel gerade eine neue Inszenierung von Richard II., von der alle schwärmten. Der Schauspieler habe Richard als komische Figur angelegt, als habe das Böse auch eine lustige Seite. Die Aufführung würde sie sich gerne am Samstag anschauen, aber am Ende werde ihr vermutlich der Weg dorthin doch zu anstrengend sein. Der kühle Enthusiasmus, mit dem sie die Inszenierung beschreibt, straft ihre Verzagtheit Lügen. Man möchte sofort alle Hebel in Bewegung setzen, damit sie auf bequeme Weise in dieses Theater kommt.

Ihr Blick ruht jetzt mit gravitätischer Würde auf dem Besucher. Ihre Ausstrahlung hat eine Wucht, vor der man erst einmal bestehen muss, während man gleichzeitig fasziniert ihr charismatisches Gesicht betrachtet. Sie fragt: "Wird es ein Interview?" Nein, ein Porträt. "Ah, also Ihre Version der Geschichte ..." Und jetzt lacht sie aufmunternd, als ginge es genau darum: dass jeder seine Version der Geschichte erzählt.

Toni Morrison war immer eine eindrucksvolle Person, bis hin zum Einschüchternden. Sie sah nicht einfach nur großartig aus, sie zeigte der Welt erstmals, wie intellektueller Glamour in Schwarz daherkommt. Ihr Selbstbewusstsein war groß und musste es wohl auch sein, denn für die Rolle der schwarzen Schriftstellerin gab es kein Vorbild. Sie schuf das Muster. Ihre Urteile waren klar, schneidend und unerbittlich – und sie ließ nie einen Zweifel daran, dass sie sich noch lange nicht in der Wirklichkeit der amerikanischen Gesellschaft eingerichtet, geschweige denn mit ihr ausgesöhnt hatte.

Alle ihre Romane handeln von der schwarzen Geschichte der USA, von Sklaverei, Segregation und Diskriminierung. Jetzt erzählt sie, wie sie in den siebziger Jahren als Lektorin für Random House gearbeitet und viele Bücher von African Americans verlegt habe. Damals hätten die Buchhandelsvertreter sie oft gefragt, ob sich dieser oder jener Titel denn auch auf beiden Seiten der Straße verkaufe – ob das Buch also sowohl schwarze wie weiße Leser finden werde. Als sie begriff, dass es genau darum nicht gehen dürfe, war das für sie eine Art Befreiungsschlag: Es ist auch okay, nur für die eine Seite der Straße zu schreiben. Man muss nicht mit jedem Satz auf die Reaktion der weißen Leser schielen. Ihr fällt ein schlagendes Beispiel ein: Als der hochehrenwerte Ralph Ellison The Invisible Man verfasste (auf Deutsch 1954 unter dem Titel Unsichtbar erschienen), schrieb er für ein weißes Publikum, um diesem die Erfahrungen der Schwarzen nahezubringen. In anklägerischer Weise, durchaus, aber eben an die Weißen adressiert. "Der Titel spricht es ja schon aus", sagt Morrison. "Ich fragte mich damals: Unsichtbar für wen? Nicht für mich!" Natürlich habe sie Ellisons Motiv verstanden: Der Unterdrücker habe adressiert werden müssen. Aber auf diese Perspektivierung wollte sie sich als Schriftstellerin nicht mehr festlegen lassen.

Jedes Milieu von Lesern habe seine eigenen Sensibilitäten und Resonanzräume. Einmal sei sie bei einem Roman des nigerianischen Schriftstellers Chinua Achebe über eine Stelle gestolpert, in der ein Mann seiner Frau das Haar streichelt. Sie sei zusammengezuckt, weil Haare so ein schwieriges Thema für schwarze Frauen in den USA gewesen seien. Das krause Haar war eine Tabuzone, es war unberührbar, es musste geglättet werden. Sie erinnere sich noch gut, wie schmerzhaft es für sie als Kind gewesen sei, wenn ihre Haare mit dem Bügeleisen bearbeitet wurden. Das war, bevor der Afro in den siebziger Jahren dann zum Symbol der Befreiung und des neuen Selbstbewusstseins der Schwarzen wurde. Plötzlich hieß es: Black is beautiful. Da habe sie ihren Kollegen gesagt: "Moment mal, Leute, das ist ja schön und gut, aber bevor wir uns jetzt alle freuen, lasst uns erst mal von der Zeit erzählen, als schwarz noch nicht beautiful war!"