Unter meinem Bett leben Geister – davon war ich als Kind überzeugt. Keine klassischen Monster mit fiesen Fratzen und höhnischem Lachen, sondern echte Geister, schleierhaft und ungreifbar. Anfangs machte mir diese Vorstellung Angst. Die Tür musste abends immer einen Spalt offen bleiben, damit vom Flur etwas Licht in mein Zimmer fiel. Trotzdem konnte ich nur schwer einschlafen und träumte schlecht. Meine Schwester, die sechs Jahre älter ist als ich, hielt mich für total albern.

Nach einer Weile fand ich einen Weg, mit den imaginären Geistern unter meinem Bett umzugehen. Ich führte Gespräche mit ihnen, fast jeden Abend. Irgendwann schlossen wir einen Deal: Ich würde mein Zimmer mit ihnen teilen, und sie durften bei mir bleiben, sollten mich dafür aber in Ruhe lassen. Es geschah das für ein sechsjähriges Mädchen Unglaubliche – sie waren einverstanden mit meinem Angebot, und fortan waren wir Freunde. Vorsichtshalber bestand ich noch eine Weile darauf, ein kleines Licht brennen zu lassen. Für den Fall, dass sich die Geister doch nicht an unsere Abmachung halten würden. Es geschah aber nichts. Eines Morgens lief ich stolz zu meiner Mutter und erzählte ihr, dass ich das Problem gelöst hatte. Fortan gab es keinen Ärger mehr.

Das Einschlafen fällt mir heute immer noch ein wenig schwer. Ich beneide Menschen, die sich einfach hinlegen und innerhalb einer Minute weg sind. Bei mir dauert es etwas, bis ich die Gedanken in meinem Kopf loswerde. Wie lief der Tag? Was steht morgen an? Gibt es etwas, das ich nicht vergessen darf? Ich arbeite regelrecht eine Checkliste ab. Erst wenn ich damit fertig bin, kann ich wegdösen.

Seit meiner Kindheit träume ich oft von Wasser. Das sind manchmal keine angenehmen Träume. Ich sehe eine große Welle auf mich zurollen, wie bei einem Tsunami. Ich bin in einem Haus, und das Wasser kommt mit Wucht heran. Die Fensterscheiben zerbersten, mit einem Sprung zur Seite kann ich mich retten. Weil ich das alles als sehr real erlebe, bin ich nach dem Aufwachen oft ziemlich mitgenommen. Dieses Gefühl der Beklommenheit kann bis zum Nachmittag andauern.

Trotz dieser bedrohlichen Traumbilder drehen sich meine Tagträume seit einigen Jahren um ein Haus am Meer. Am liebsten irgendwo im Süden. Als Kind bin ich mit meinen Eltern jedes Jahr in die Türkei gefahren. Erst waren wir Verwandte in Istanbul besuchen, dann haben wir klassischen Strandurlaub gemacht, am Mittelmeer oder an der ägäischen Küste. Ich habe diese Reisen sehr gemocht. Was ich allerdings nicht mochte: im Hotel zu wohnen. Ab einem gewissen Alter fehlt einem die Rückzugsmöglichkeit.

Ich träume deshalb von einem Haus, in dem man den Sommer verbringen kann und das einem später vielleicht auch als Alterswohnsitz dient. Es müsste auf einem Hügel stehen, mit Blick aufs Meer, drum herum Terrassen, eine Wiese mit Pferden wäre auch schön. Es darf nicht zu klein sein. Ich mag es, Freunde zu empfangen. Wer Lust hat, soll vorbeikommen und dann auch sein eigenes Zimmer mit Bad haben.

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