Vielleicht wird Uli Hoeneß erst in einem autobiografischen Buch genau erklären können, was ihn da geritten hat: zunächst eine ohnehin schon hohe Steuerschuld von mehr als drei Millionen Euro einzugestehen, um dann vor Gericht zu erklären, dass er in Wirklichkeit den fünffachen Betrag hinterzogen habe. Anderntags hieß es dann, es könnten auch unglaubliche 27,2 Millionen gewesen sein, was die Glaubwürdigkeit des vorangegangenen Eingeständnisses erschütterte. Hatte er das volle Ausmaß seines Betrugs bis zuletzt verdrängt oder die richtigen Zahlen nicht parat? Wollte er weiteren Enthüllungen zuvorkommen? Oder wollte er mit dieser Offenbarung, auf die das Gericht vielleicht so nie gekommen wäre, sein besonderes Schuldbewusstsein unter Beweis stellen? Vor dem Landgericht München II trat er schon auf wie vor dem Jüngsten Gericht und bedauerte "zutiefst" seine Schuld. Er wolle sich endlich ehrlich machen.

Bei Redaktionsschluss stand nicht fest, ob das vermeintlich ultimative Geständnis irgendeine mildernde Wirkung entfalten könnte oder das genaue Gegenteil. Aber es ist wahrscheinlich, dass Hoeneß nicht nur eine Freiheitsstrafe auferlegt wird, sondern er diese auch antreten muss. Spätestens dann werden ihm die Spitzenmanager des FC Bayern alle offiziellen Ämter nehmen und damit das vollziehen, woran die Aufsichtsräte des Vereins in ihren eigenen Unternehmen durch strenge Compliance-Regeln längst gebunden sind. Spätestens dann wird der bis dahin erfolgreichste Fußballmanager der Welt am Tiefpunkt seines Lebens angekommen sein.

Hoeneß muss behandelt werden wie andere Gesetzesbrecher auch

Es soll in der Flut der Leserkommentare voller Hass und Häme noch einzelne Stimmen geben, die für den nackten Sünder so etwas wie Mitleid zum Ausdruck bringen. Wer Derartiges äußert, macht sich inzwischen wohl auch zum Outlaw. Und doch ist es richtig, wenn Hoeneß die Strafe bekommt, die für ein so schweres Delikt fällig ist – so wie es für jeden anderen Bürger auch gilt. Wer schwer fehlt, hat die Konsequenzen zu tragen, egal, ob prominent oder nicht.

Das war keine Selbstverständlichkeit. Als im Jahre 2002 Boris Becker – damals noch recht angesehen – vor dem Landgericht München I wegen Steuerhinterziehung in Höhe von 3,4 Millionen Mark angeklagt wurde, gab es nur einen Verhandlungstag, keine einzige Zeugenvernehmung und auch nur ein halbherziges Schuldeingeständnis. Becker kam mit zwei Jahren auf Bewährung davon, von den Rängen brandete Applaus auf. Die Vorsitzende Richterin zeigte eine nahezu mütterliche Fürsorgepflicht gegenüber ihrem ertappten Delinquenten. Und etliche Medien nahmen das milde Urteil mit Erleichterung auf. All das wird Uli Hoeneß nicht widerfahren, und das muss man durchaus als Fortschritt ansehen.

Wenn er aber so behandelt werden soll wie jeder andere auch, dann müssten für ihn auch nach der Strafe alle Maßstäbe gelten, die für nicht prominente Bürger gelten: Auf Schuld und Sühne folgt das Recht auf Rehabilitierung. Hier ist in Deutschland etwas dramatisch aus dem Lot geraten. Wo früher Prominente oder besonders Betuchte auf privilegierte Behandlung hoffen durften, gibt es heute neben dem für Straftaten zuständigen Gericht ein öffentliches Verfahren, in dem jedes Maß verloren gegangen ist. Heftigkeit und Dauer der Kritik wirken so verheerend, dass Prominente, die einen Fehler machen, am Ende Ausgestoßene bleiben. Das gilt für Jörg Kachelmann ebenso wie für Karl-Theodor zu Guttenberg oder Alice Schwarzer, der man ihr Steuervergehen vermutlich nie verzeihen wird. Keiner der drei wurde je verurteilt.

Das Neben-Scherbengericht wird dadurch so kraftvoll, dass man es basisdemokratisch legitimiert (Volkes Stimme!) und ihm dazu einen besonderen moralischen Impetus zuspricht, angesichts einer Elite, die angeblich ihrer Vorbildfunktion nicht gerecht wird. Was für eine verzerrte Perspektive! Die Eliten wurden früher einfach nicht so durchleuchtet. Nach dem gegenwärtigen Reinheitsgebot wären viele Vorbilder von gestern heute nicht mehr tragbar. Dem moralischen Impetus fehlt oft die Glaubwürdigkeit, weil die öffentlichen Ankläger im Kleinen auch immer wieder Fehler und Versäumnisse begehen, wie das bei Normalsterblichen nun mal die Regel und nicht die Ausnahme ist. Vor allem aber hat die mediale Erörterung von Skandalen inzwischen den Pranger abgelöst. Mancher Kritiker würde dieses Vorgeführtwerden selbst nicht einmal eine Stunde lang aushalten.

Das ist die Diskrepanz, die sich zwischen Rechtsstaat und Gesellschaft aufgetan hat: Alles im Rechtsstaat ist darauf angelegt, die Verhältnismäßigkeit zu wahren. Es ist ein differenzierender, immer wieder abwägender Prozess. Die Skandalisierung lebt vom Gegenteil. Vom amerikanischen Internetphilosophen und Blogger David Weinberger stammt ein bahnbrechender Satz, der sich auf den Schwund des Privaten im digitalen Zeitalter bezieht, aber auch an dieser Stelle nicht ungehört bleiben soll: "Ich glaube nicht, dass wir die neue Transparenz überleben können, wenn wir die gleichen Standards der Kritik beibehalten."

Wenn Uli Hoeneß seine gerechte Strafe abgetragen hat, muss die gesellschaftliche Revision beginnen: Kann ein Mensch nur gut oder nur böse sein? Wann ist es der Ächtung genug? Und wann ist ein Ton erreicht, der nicht mehr viel über einen Gefallenen verrät, sondern über das Land, das ihn einst vergöttert hat?

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