Bei ihm war es keine Steuergeschichte, die ihn in die Zeitungen brachte. Nach der Karriere als Fußballprofi hatte Gerd Müller einfach das Glück verlassen. Der "Bomber der Nation" verlor seinen Halt, er verarmte und verfiel dem Alkohol. Der Bayern-Patriarch Uli Hoeneß bekam das Unheil mit und überredete seinen früheren Mitspieler zu einer Entziehungskur. Das war 1991. Gerd Müller kam danach mit dem Leben wieder zurecht. Er hatte nun einen Job, er durfte im Vereinsheim des FC Bayern an der Säbener Straße in München nach dem Rechten sehen. Besucher erinnern sich, wie ihnen Gerd Müller die Tür aufhielt. Ja, Müller, der Weltmeister von 1974 – er war es wirklich. Wie früher trug er wieder einen Trainingsanzug, wenn er einen Schritt nach vorn machte, umspannte seine Hose die mächtigen Oberschenkel noch immer wie eine zweite Haut. "Grüß Gott", murmelte Müller. Man musste genau hinhören bei diesem tiefen Bayerisch.

Jetzt geht es Uli Hoeneß selber an den Kragen. Mittlerweile ist er 62 Jahre alt. Es ist eine große Steuergeschichte, die ihn in alle Schlagzeilen bringt. Es handelt sich um eine der größten Steuerstraftaten eines Einzelnen, die je vor einem deutschen Gericht verhandelt wurden: Es geht um rund 27,2 Millionen Euro, die Hoeneß dem Staat schuldet. So die Staatsanwaltschaft nach einer ersten Durchsicht der nun vorliegenden Unterlagen. Hat Hoeneß überhaupt noch so viel? Ihm droht Gefängnis. Verliert auch er jetzt den Halt?

München in dieser Woche: Mehr Aufsehen war lange nicht. Übertragungswagen mit klobigen Satellitenschüsseln haben den Justizpalast am Stachus umzingelt. Im "Strafverfahren gegen Ulrich H." muss sich der Aufsichtsratsvorsitzende der FC Bayern AG wegen Steuerhinterziehung verantworten. Eine Zeitung hat geschrieben, dies sei "das schwierigste Auswärtsspiel" seines Lebens. Auch wenn diese Metapher naheliegt, sie ist völlig daneben, sie wird dem Drama, das sich im Sitzungssaal 134 abspielt, nicht annähernd gerecht.

Gut möglich, dass dies sein letzter großer Auftritt ist, sein letzter Auftritt in Freiheit für längere Zeit. Als der Angeklagte den Sitzungssaal am Montagmorgen durch eine Seitentür betritt, umspielt dennoch ein maliziöses Lächeln seinen Mund. Für einen Augenblick sieht es so aus, als könnte Hoeneß auch als Retter in eigener Sache infrage kommen. Dann gibt er diese Erklärung ab, mit der er "ohne Wenn und Aber reinen Tisch" machen will. Nicht 3,5 Millionen Steuern habe er hinterzogen, sondern 18,5 Millionen! "Mehr als 50.000 Transaktionen insgesamt", liest er von einem Blatt Papier ab, das er zwischen seinen Fäusten hält. "Ich war verrückt, ich habe die Nerven verloren." Dann nimmt der Angeklagte seine Brille ab, seine Hände sinken wie ermattet auf die Kante des Tisches.

Der Prozess ist keine zwei Stunden alt, als Hoeneß mit dieser Neuigkeit herauskommt. Damit sind die tagelangen Gedankenspiele obsolet, ob eine Steuerschuld von 3,5 Millionen noch eine Fluchttür in eine Bewährungsstrafe offen lässt. Jetzt sind es plötzlich 18,5 Millionen Euro! Ist das jetzt wirklich die Summe, um die es geht? Sie wird sich am folgenden Tag als grobe Hochrechnung zu eigenen Gunsten erweisen.

Es ist der große Augenblick der Steuerfahnder aus Miesbach, Rosenheim und München, die jetzt als Zeugen auftreten. Den Computer und die Handys, beschlagnahmt bei der Durchsuchung des Hauses Hoeneß in Bad Wiessee, haben sie bereits ausgewertet und umgehend wieder an die Familie zurückgegeben.