Die Weimarer Republik war weiß Gott ein zerbrechliches Gebilde. Sie hätte die Unterstützung auch von Historikern gut gebrauchen können. Doch es war nur ein kleines Häuflein, das ihr beistand. Die meisten blieben preußisch-deutsch, kaisertreu und antidemokratisch, die Ideen von 1789 waren ihnen wälscher Trug. Nur wenige grüßten das Schwarz-Rot-Gold der Republik und bekannten sich zu der freiheitlichen Tradition der eigenen Geschichte, die gegen Ende des 19. Jahrhunderts verschüttet worden war. Zu ihnen gehörte Veit Valentin, einer der besten deutschen Historiker des 20. Jahrhunderts.

Das Leben dieses Geradlinigen nahm einen kurvenreichen Lauf: Es ist die gebrochene Biografie eines Intellektuellen, der sich nicht brechen, nicht zum Verrat verführen ließ. Ein unendlich kenntnisreicher Mann, ein freier Geist. Vor allem aber, und das bleibt in diesem Land ein besonderes Mirakulum: ein Historiker, der schreiben konnte. Sein Esprit, seine stilistische Brillanz beeindrucken. Seine Bücher, allen voran seine große Geschichte der deutschen Revolution 1848–1849, aber auch seine Weltgeschichte und die Geschichte der Deutschen, sind Leseklassiker geblieben.

Vielleicht war ihm der souveräne Stil von Haus aus mitgegeben. Die Mutter schrieb Musikhistorisches, der Vater (er heißt ebenfalls Veit Valentin) war Gymnasialprofessor und verfasste allerlei über Kunsthandwerk und Kunst, über Horaz, die Renaissance und immer wieder über Goethe. Das letzte Thema mag mit der Heimatstadt zusammenhängen, mit Frankfurt am Main, wo auch Veit Valentin der Jüngere 1885 geboren wird. Protestantische Weltbürger sind die Valentins – und Lokalpatrioten.

Mit 21 Jahren schon Doktor

18 Jahre alt, beginnt der junge Mann sein Studium in Heidelberg. Es fällt ihm leicht. Sein Lehrer, der Historiker Erich Marcks, hält große Stücke auf das junge Talent, wenngleich es ihm etwas stürmisch erscheint. Finanziell geht es dem Studenten schlecht, 1900 ist der Vater gestorben, und immer wieder muss der Sohn bei der Mutter betteln. Und doch: 21 Jahre ist Veit Valentin, als er die Promotion abschließt, vier Jahre später hat er sich habilitiert. Zwar bleibt er inhaltlich und methodisch zunächst in den Bahnen der zeitgenössischen Wissenschaft, doch im Stil macht sich sein Talent schon bemerkbar.

Und es schimmert auch schon das Interesse an neuen Themen auf: In seiner Dissertation über das Frankfurt der Vormärzzeit beleuchtet er die sozialen Strukturen der Stadt, und mit der Habilitation zu Karl Fürst zu Leiningen greift er sich einen liberalen Achtundvierziger heraus. Eigentlich scheint der Weg gewiesen, die Professur nur eine Frage der Zeit. Doch will er dies überhaupt?

Valentin zweifelt, zögert. Er schreibt nebenbei viel Journalistisches, versucht sich an Dramen und Gedichten. Ein paar Kurzgeschichten werden in Zeitungen veröffentlicht, das macht ihm Mut. 1908, er ist gerade 23 Jahre alt, arbeitet er an der Heine-Ausgabe des Bong-Verlags mit. In dieser Zeit reist er viel, durch Skandinavien, Frankreich, England. Als er schließlich erkennt, dass es mit der freien Schriftstellerei nichts wird, bewirbt er sich auf eine Professur in Liverpool. Doch ein englischer Konkurrent erhält den Lehrstuhl.

Ende 1915 – seit mehr als einem Jahr versinkt Europa im Krieg – eröffnet sich ihm eine ganz andere Möglichkeit: Das Auswärtige Amt stellt ihn als wissenschaftlichen Mitarbeiter ein. Valentin hat sich mit kleineren Schriften zur deutschen Politik empfohlen. Nun soll er für das Ministerium eine Geschichte der Außenpolitik vor dem Ersten Weltkrieg schreiben. Ein ehrenvoller Auftrag. Im Frühjahr 1916 ernennt man den 31-Jährigen in Freiburg zum außerordentlichen Professor, ein weiterer Schritt auf dem Weg zum Ordinarius.

Aber es kommt anders. 1916 wird zum Wendejahr seines Lebens. Die Stimmung in Deutschland ist von Nervosität gezeichnet, der unerwartet lange Krieg führt zu innenpolitischem Streit. Die Scharfmacher auf der Rechten wollen einen massiven U-Boot-Krieg führen. Die Speerspitze dieser Gruppe ist der Alldeutsche Verband, ein Proto-Naziverein, der reichsweit ein einflussreiches Netz geknüpft hat. Während ringsum an den Fronten Abertausende umkommen, träumen die alldeutschen Herrenzimmer-Strategen von einem germanischen Riesenreich, das sich halb Europa und Afrika unterwerfen soll.

Von den Alldeutschen kaltgestellt

Vor diesem Hintergrund kritisiert Valentin in einer Rezension für die Preußischen Jahrbücher ein Elaborat des Alldeutschen-Funktionärs und späteren NS-Politikers Graf Ernst zu Reventlow. In seiner Politischen Vorgeschichte des Großen Krieges habe Reventlow "systematische Irreführung" und "historiographische Demagogie" betrieben. Auch macht Valentin in einem Gespräch mit zwei Anhängern der Alldeutschen abfällige Bemerkungen über das Idol aller Reaktionäre, den Großadmiral Alfred von Tirpitz. Der hat die Flottenrüstung vorangetrieben, dankt aber 1916 als Chef des Reichsmarineamtes ab.

Das alldeutsche Netzwerk funktioniert. Valentin wird der Prozess gemacht – juristisch wie publizistisch. Das ist das Ende der Hochschullaufbahn. Vor allem der Prorektor der Freiburger Universität, Georg von Below, ein scheppernder Konservativer, sorgt dafür, dass Valentin keine Chance mehr in der universitären Wissenschaft bekommt. Voller Hass zieht Below die Strippen. Ist es Neid auf das junge Talent? Möglicherweise. Eher aber wohl der Zorn über Valentins "schlappe" Haltung in der Kriegsfrage.

Der junge Gelehrte jedenfalls hat sich überschätzt. Vielleicht geblendet von den frühen Erfolgen, glaubte er, sich als Einzelkämpfer durchsetzen zu können. Er wird, im doppelten Wortsinn, zum "Fall Valentin" – so bezeichnet noch Jahre später die überregionale Presse den Konflikt. Es kommt sogar zu einem Beleidigungsprozess, der in einem Vergleich endet – was seine Feinde nur noch mehr anstachelt. Valentin denkt an Selbstmord. Er fängt sich wieder, die Rückkehr in die Heimatstadt, zur Familie, zur Schwester und zur Mutter, hilft ihm bei der seelischen Genesung. 1917 muss er auf seine Venia Legendi verzichten, im selben Jahr schickt man ihn als Telegrafisten an die Front.