Man muss sich Sorgen machen um ein Land, wenn einer seiner Kabinettsminister droht, er werde notfalls "bewaffnet auf die Straße gehen". Fidel Barbarito, Minister für Kulturfragen in Venezuela und Spross einer der einflussreichsten Familien des Landes, hat gerade genau das gesagt, und jetzt sitzt er da, lächelt breit und fügt erläuternd hinzu: "Ich wäre nicht der Einzige."

Das Gespräch findet in einem Gebäude mit Blick auf die Hügelkette im Westen von Caracas statt. Ein riesiger Slum überzieht die Anhöhen, bunt gestrichene Shanty-Häuschen mit ein paar Hochhäusern dazwischen, hier wohnen an die 100.000 Menschen. Das Barrio 23 de Enero gilt, wie viele Armenviertel der Stadt, als eine Machtbasis der Chavisten: So heißen die Anhänger des charismatischen Comandante Hugo Chávez, der Venezuela von 1999 bis zu seinem Tod vor einem Jahr regierte. Heute halten die Chavisten zu seinem Nachfolger, dem etwas hölzernen Schnauzbartträger Nicolás Maduro.

Außerhalb der Armutsviertel allerdings steht das Land am Rande eines Bürgerkriegs. Fast täglich werden aus Caracas oder den Provinzstädten Protestzüge gemeldet, zu denen inzwischen Zehntausende erscheinen. Die Proteste richten sich gegen die verheerende Versorgungslage im Land (manchmal fehlen sogar Mehl, Milch oder Toilettenpapier in den Geschäften), die zusammengebrochene Gesundheitsversorgung oder die hohe Straßenkriminalität – und statt sich die Beschwerden anzuhören, schickt das Regime Polizisten, Paramilitärs und Soldaten. Bilanz Mitte März: Insgesamt 22 Tote auf beiden Seiten. Paramilitärs hatten auf Menschenmengen geschossen, Soldaten wiederum wurden aus Wohnhäusern unter Feuer genommen, Demonstranten von Autos überrollt, Motorrad fahrende Paramilitärs mit aufgespannten Stahlseilen enthauptet.

Das Venezuela des Hugo Chávez sollte einmal zum Vorreiter eines Sozialismus des 21. Jahrhunderts werden. Gefeiert in linken Salons Europas, bildete es die Speerspitze eines gegen die USA gerichteten Wirtschaftsblocks. Es subventionierte linke Regimes in Kuba, Ecuador, Bolivien und Nicaragua mit billigem Öl. Doch wenn Chávez’ Nachfolger Maduro von seinem Volk entmachtet würde – oder er nur als Diktator überleben könnte, jedes internationalen Ansehens verlustig –, wäre dies das Ende eines Traums.

Chávez liegt inmitten des 23 de Enero begraben. Ein wuchtiger Marmor-Sarkophag steht oben am Berg in einem Militärmuseum. Chávez-Fans reisen mit Bussen aus vielen Landesteilen an und harren in einer kilometerlangen Schlange aus, die sich durch die Gassen des Slums windet, aus übergroßen Lautsprecherboxen mit Parteiliedern beschallt ("Sie wollen Bildung und Gesundheit, dumdidum, Chávez und Maduro, zwei Pfundskerle als Präsidenten").

"Hugo Chávez gab den armen Venezolanern ihren Stolz zurück", hatte der kampfbereite Kulturminister im Gespräch gesagt, und man kann hier draußen erahnen, was er meint: Es sind die Armen, die stundenlang in der Sonne stehen und darauf warten, den Marmor anzufassen und einen Gruß an den Helden auf ein Stück Papier zu schreiben. Unter Chávez sank die Arbeitslosigkeit von 14,5 Prozent auf unter acht, die Armutsrate fiel von 50 Prozent auf rund 31,9. Höhere Schulbildung erreicht statt der ursprünglichen 44,8 nun 73,3 Prozent der Bevölkerung.

Das Problem war nur, dass Chávez das hauptsächlich durch Aufblähung staatlich finanzierter Schulungs-, Wohnungsbau- und Sozialprogramme erreichte. So gedieh eine gigantische Pöstchenwirtschaft und Bürokratie, die den verbliebenen privatwirtschaftlichen Teil der Wirtschaft so gut wie abwürgte, aber Chávez war das weitgehend egal. Die Öleinnahmen hatten in Venezuela immer schon wirtschaftspolitische Sünden ausgeglichen. "Ein Präsident sollte nicht auf Ökonomen hören", hat Chávez einmal gesagt.

Er hatte begriffen, dass er es nicht nur mit wirtschaftlich Ausgeschlossenen zu tun hatte, sondern mit verletzten Seelen einer Gesellschaft, die generationenlang eine der ungerechtesten der Welt war. In seinen Ansprachen rief der Revolutionsführer immer wieder Mühselige und Beladene auf die Bühnen, hörte ihnen minutenlang zu und umarmte sie; er gab den Armen das Gefühl, er ganz persönlich sei für sie da.

Nur eines gehörte nie zum Plan des Hugo Chávez: auch für die anderen, die bürgerlichen Schichten des Landes zu regieren. Chavisten verstehen sich als "demokratische Revolutionäre", die für die Mehrheit Politik machen. Doch wenn es hart auf hart kommt, sind sie mehr Revolutionäre als Demokraten.