DIE ZEIT: Ein EU-Gesetzentwurf sorgt momentan für viel Aufregung bei staatlichen Universitäten und Fachhochschulen. Hochschulmitarbeiter haben lange Briefe an die EU-Kommission geschickt, sie kritisieren die geplante Neuregelung des EU-Beihilferechts. Worum geht es da?

Beate Hörr: Es geht um die Weiterbildung für Berufstätige, die staatliche Hochschulen zusätzlich zu ihren Programmen für Studenten anbieten (siehe Seite 80) . 2007 ist der "Gemeinschaftsrahmen für staatliche Beihilfen für Forschung, Entwicklung und Innovation" in Kraft getreten. Seitdem dürfen die wirtschaftlichen Tätigkeiten von Hochschulen nicht mehr mit Staatsgeldern subventioniert werden, damit die gegenüber anderen Anbietern keine Vorteile haben.

ZEIT: Klingt doch vernünftig.

Hörr: Auf den ersten Blick schon. Das Problem ist, zu definieren, welche Tätigkeit einer Hochschule wirtschaftlich ist und welche nicht. Die Kultusministerkonferenz hat dazu ein Raster entworfen, mit dem wir als Deutsche Gesellschaft für Wissenschaftliche Weiterbildung überhaupt nicht einverstanden sind.

ZEIT: Warum?

Hörr: Als Kriterium für eine wirtschaftliche Tätigkeit gilt hier schon, dass es für dieses Angebot einen Markt gibt, also Mitbewerber mit ähnlichen Angeboten. Das ist bei der wissenschaftlichen Weiterbildung der Fall. Ihre Besonderheiten werden dabei aber nicht angemessen berücksichtigt.

ZEIT: Was heißt das für die Weiterbildungsangebote der Hochschulen?

Hörr: Die Hochschulen müssten für jedes Seminar und jeden berufsbegleitenden Studiengang, den sie anbieten, eine Vollkostenrechnung erstellen, in der sie alle Kosten, die dafür anfallen, berücksichtigen. Das ist zum einen sehr aufwendig, denn für Weiterbildungsangebote werden oft die gleichen Ressourcen genutzt wie für Lehre und Forschung, etwa Bibliotheken oder Verwaltungsmitarbeiter. Zum anderen müssten die Hochschulen die Preise für viele Weiterbildungsangebote dann deutlich erhöhen, weil sie diese Kosten einkalkulieren müssten. Und das bedeutet, dass sie vieles erst gar nicht mehr anzubieten brauchten.

ZEIT: Was zum Beispiel?

Hörr: Etwa Fortbildungen für Erwachsenenpädagogik. Viele Pädagogen, die in diesem Bereich arbeiten, sind selbstständig. Wenn die auf einmal mehrere Tausend Euro für ein Weiterbildungsangebot bezahlen müssten, würden die einfach nicht mehr kommen. Universitäten und Fachhochschulen würden sich daher auf zahlungskräftigere Zielgruppen konzentrieren müssen, zum Beispiel Wirtschaftswissenschaftler, Zahnärzte oder Juristen. Es käme zu einem Rosinenpicken. Für viele Berufstätige, vor allem aus den Sozial- und Geisteswissenschaften, könnten die staatlichen Hochschulen gar nichts mehr anbieten. Das kann nicht sein, schließlich ist die allgemeine Weiterbildung gemäß den Hochschulgesetzen eine zentrale Aufgabe von Hochschulen. Es besteht ein öffentliches Interesse daran, dass die Hochschulen ihr Wissen an möglichst viele Menschen weitergeben.

ZEIT: Bisher haben die Hochschulen diese Aufgabe aber nicht erfüllt. Ihr Anteil am Weiterbildungsmarkt ist immer noch sehr klein.

Hörr: Das stimmt und muss sich dringend ändern. Die Hochschulen müssen hier kreativer werden und sich zum Beispiel stärker auf eine Fachrichtung spezialisieren – also ein klares Profil bilden, statt wie in einem Bauchladen alles anzubieten. Außerdem sollten sie flexibler auf die Bedürfnisse von Unternehmen und Berufstätigen reagieren. Aber auch die Diskussion um das neue EU-Beihilferecht ist in dieser Hinsicht wichtig. Wenn die Regeln so bleiben, wird es für Universitäten und Fachhochschulen noch schwieriger, Marktanteile zu gewinnen. Alle Anbieter, staatliche und private, würden um die gleiche zahlungskräftige Zielgruppe konkurrieren.