Die Erzählung vom Großen Vaterländischen Krieg war der eigentliche Gründungsmythos der Sowjetunion. In ihr konnten sich Opfer wie Täter, Kommunisten und Kulaken, Ukrainer wie Russen und Juden als Mitglieder einer Gemeinschaft von Siegern wiedererkennen. Dieser Mythos einte nicht nur Russen, sondern verband auch die anderen Völker der Sowjetunion. Es gab nicht nur Ukrainer und Russen, es gab auch Sowjetmenschen. Diese Wahrheit ist in den Ländern des Westens leider in Vergessenheit geraten. Oder sollen wir wirklich glauben, die Sowjetunion sei nur ein Ort des nationalen Zwists gewesen? Der sowjetische Mythos sollte integrieren, was die Separatisten trennen wollten. Als die Ukraine im Jahr 1991 unabhängig wurde, hatten die Kommunisten, die das Land regierten, nichts, womit sie die Leere ausfüllen konnten, die das Imperium hinterlassen hatte. Die Ukraine war dazu verdammt, eine Nation zu werden. Denn zu welchem Zweck hätte sie sonst ihre Unabhängigkeit verteidigen sollen? Aber worauf sollte sich ihre Einheit gründen?

Für die nationalen Eliten im Westen der Ukraine gab es keinen Zweifel, dass die Nation nur eine Vereinigung von Opfern sein könne. Und so wurde die Erinnerung an die Hungersnot des Jahres 1933, den "Holodomor", zum Gründungsmythos der Ukraine. Mit ihm aber konnten sich Ukrainer und Russen im Osten und auf der Krim nicht identifizieren. Sie sahen sich nicht nur als Opfer, sondern auch als Sieger und Sowjetmenschen. Für sie war der Untergang der Sowjetunion ein tragischer Verlust. Denn ihre Heimat war nicht die Ukraine, sondern das Imperium gewesen.

Der Westen glaubt, die Ukraine sei ein Nationalstaat des 19. Jahrhunderts

Russlands Eliten fällt der Abschied vom Imperium schwer. Für sie ist die Ukraine kein fremdes Land, sondern der mythische Geburtsort Russlands. In Kiew wurde das Imperium gegründet, und in Kiew wird es nun zu Grabe getragen. So empfinden es nicht nur die meisten Russen. Auch in der Ukraine und auf der Krim leiden Menschen an diesem Phantomschmerz. Ihn macht sich Putin zum Werkzeug, er schwimmt auf einer Welle der Popularität, die er niemals erlangt hätte, wenn im Westen Europas und in den USA begriffen worden wäre, was das sowjetische Imperium war und welche Rolle die Ukraine in ihm spielte. Europas Regierungen sind zu Recht stolz darauf, Einheit und Vielfalt in Einklang gebracht zu haben. Warum kann die Krim nicht haben, was für die Südtiroler selbstverständlich ist? Wieso soll für alle Zeit ausgeschlossen sein, dass sich der östliche vom westlichen Teil der Ukraine trennt? Solches Recht haben auch Tschechen und Slowaken für sich in Anspruch genommen, und es ist kein Krieg daraus geworden. Auf paradoxe Weise aber bestehen die westlichen Regierungen nun darauf, dass die Ukraine ein Nationalstaat des 19. Jahrhunderts sein müsse und dass Russland an der Beilegung von Krisen nicht beteiligt werden könne. Auch der dümmste Politiker hätte begreifen können, dass eine solche Strategie nicht aufgeht.

Nun ist geschehen, was niemand wollte, aber jedermann hätte voraussehen können. Es gibt eine Krise, aber keinen Ausweg. Solange die Wahlsieger die Wahlverlierer ins Gefängnis schicken, solange der nationale Mythos ausgrenzt, aber nicht versöhnt, und solange Vielfalt und Einheit einander ausschließen, wird die Ukraine keine Nation sein können, in der sich alle Bürger aufgehoben fühlen. Putins Russland ist keine Demokratie, es ist kein Modell für Frieden und Freiheit. Aber es versteht sich als Verwalter des imperialen Erbes und als Sprachrohr all jener, die seinen Untergang noch nicht verwunden haben. Man mag es bedauern, aber man kann es nicht einfach ignorieren, nur weil man in Europa glaubt, dass die Revolutionäre vom Maidan in dieser Sache schon das letzte Wort gesprochen hätten.

Jörg Baberowski ist Professor für Geschichte Osteuropas an der Humboldt-Universität zu Berlin. 2012 erschien sein preisgekröntes Werk "Verbrannte Erde. Stalins Herrschaft der Gewalt" im C. H. Beck Verlag