Matthias Hartmann, das Glückskind des deutschen Theaters, stieg sehr rasch nach oben, bis er die höchste Position erlangt hatte, die man in dieser sehr besonderen Welt erreichen kann: Er war noch nicht 42 Jahre alt, da ernannte man ihn zum Direktor der Wiener Burg. Die Theaterbranche schaute staunend und voller Neid zu, wie Hartmann emporstieg. Und nun sieht sie, wie er von ganz oben stürzt, nein: wie er gestürzt wird. Es stürzt ihn ein Mann, der österreichische Kulturminister Josef Ostermayer, der selbst erst seit wenigen Tagen sein Amt innehat. Am 11. März entließ Ostermayer den Direktor Hartmann. "Um weiteren Schaden für die Republik und das Burgtheater abzuwenden", so Ostermayer, "musste dieser Schritt gesetzt werden." Es geschah wenige Stunden, nachdem Hartmann selbst angekündigt hatte, seine Tätigkeit als Geschäftsführer des Theaters ruhen zu lassen.

Warum das alles?

Im Raum steht, wie man so sagt, der Vorwurf der Urkunden- und Bilanzfälschung gegen die ehemalige kaufmännische Geschäftsführerin des Hauses, Silvia Stantejsky. Aber auch gegen Hartmann. 8,3 Millionen Schulden sowie Steuernachzahlungen ungewisser Dimension belasten die Zukunft der Burg. Zwei Rechtsgutachten zur Mitverantwortung an der derzeitigen Lage hätten bei Matthias Hartmann "erhebliche Verletzungen der Sorgfaltspflicht eines Geschäftsführers" festgestellt, sagte der Kulturminister auf einer Pressekonferenz. Erhebliche Mängel im Rechnungswesen seien nicht behoben worden.

Hartmann teilte unverzüglich mit, dass er die Entlassung nicht akzeptiere. Er werde Klage einreichen. Hartmann: "Man möchte meinen, dass sich der künstlerische Geschäftsführer auf die kaufmännische Direktion, die Kontrollfunktion der Holding und die Wirtschaftsprüfer verlassen könnte. Da wurde ich offensichtlich völlig im Stich gelassen und muss dafür jetzt büßen."

Hartmann scheiterte zuletzt an jener Doppelbegabung, welche ihm bis dahin stets genützt hatte: Er war der Macher als Künstler, der Manager-Spieler. Den Politikern, die ihn in seine Intendantenämter in Bochum, Zürich und zuletzt Wien geholt hatten, empfahl der gebürtige Oldenburger sich als Theatermann, mit dem man über Zahlen reden kann – als sei er im Innersten einer von ihnen. Doch in Interviews beschrieb er sich als Melancholiker, den die Organisation, die er linkshändig beherrscht, langweilt und den am Ende nur die Kunst rettet. Er nannte sich einen Zerrissenen. "Meine Freunde sind Ärzte, Banker, deren Keller ich leer trinke", sagte er der ZEIT bei seinem Wiener Amtsantritt 2009. "Ich verhalte mich wie sie, und ich gehe, ehe ich auffliege. Ich wäre gern normal, aber irgendeine Kraft in mir verhindert es. Ich bin ein total depressiver Mensch; ohne diese Depression wäre ich wohl Banker."

Diese Zerrissenheit erlaubte es ihm jetzt, sich aufs jeweils angenehmere Feld zurückzuziehen. Als er die kaufmännische Direktorin der Burg, Silvia Stantejsky, aufgrund dubioser Buchungen und finanzieller Unkorrektheiten großen Ausmaßes am 18. November 2013 fristlos entließ, tat er es mit der Härte des Managers und der Begründung eines Künstlers: Seine Befugnis sei die Kunst, zur Kontrolle der Finanzen gebe es interne und externe Revisoren, die alle nichts gemerkt hätten. Sein Ensemble sah das anders, es sprach Hartmann im Februar mehrheitlich das Misstrauen aus (ZEIT Nr. 9/14).

Dass es am Haus schon länger eine "kreative Buchführung" gegeben hat, ist bekannt. Perfektioniert wurde eine Akrobatik der Abschreibungen und Hin- und Herbuchungen, die vor allem das Ziel hatte, einen Mangel beweglich zu gestalten und zu verschleiern. Der Burgtheater-Schauspieler Peter Simonischek, der durch seine Salzburger Jedermann-Darstellung die österreichische Unsterblichkeit schon errungen hat und von Hartmann in Rente geschickt wurde, fasste die Problematik jüngst im Interview mit dem Wiener Standard zusammen:

"Man weiß ja, dass es immer schon eine gewisse Mühe gekostet hat, die schwarze Null zu erreichen, und dass Silvia Stantejsky diese Art der Buchführung nicht erfunden hat. Seit 14 Jahren wurde die Indexsteigerung nicht mehr abgegolten, und die Subventionen, die ja mit 46 Millionen Euro nicht gering sind, haben sich quasi selbst aufgefressen: 80 Prozent des Budgets sind Personalkosten, 20 Prozent bleiben für künstlerische Belange ... Da gibt es wenig Sparpotenzial – es sei denn, man entlässt Menschen."

Das hat Hartmann auch getan. Er sparte demonstrativ. Er senkte die Personalkosten, und zuletzt verlängerte er die Einjahresverträge bedeutender Schauspieler – Udo Samel, Corinna Kirchhoff, Michael König – nicht mehr. Aber er hat auch die Geldgeber gewarnt. Im Oktober 2013, anlässlich eines Kongresses zum 125-jährigen Bestehen des Burgtheaters am Wiener Ring, sagte Hartmann: "Der Zeitpunkt, an dem das alles nicht mehr finanzierbar ist, der Zeitpunkt, auf den wir immer gewartet haben, ist nicht nur da, er ist unerkannterweise überschritten worden, und es gibt kein Schönreden, kein Aufschieben und keine Tricks, um diesen Zeitpunkt zu kaschieren."