Es wird Frühling und ist doch eine Riesensauerei: Noch nie haben sich so viele Bahnreisende, nie so viele Soldaten beschwert. Die Menschen sind unzufrieden mit der großen Koalition. Angela Merkels Popularität schwindet, der Meeresspiegel steigt, Seesterne werfen ihre Arme ab und sterben. In Köln verhaftet man einen Zahnbürstenfälscher, im Kopenhagener Zoo wird eine Giraffe öffentlich geschlachtet und verfüttert, in Rio bricht ein Blitz dem Christus einen Daumen ab, und nur "Andrea Berg fühlt sich so attraktiv wie nie"!

Wer aber fühlt sich noch so attraktiv wie Andrea Berg? Markus Söder im Shrek-Kostüm? Präsident Hollande als Wilderer unter den Schauspielerinnen? (Wir haben ja gewusst, dass Macht sexy macht, aber derart sexy?) Oder Silvio Berlusconi, der 14 Tänzerinnen und Models von der Gehaltsliste streicht und dann eine 28-Jährige mit Verlobung straft? Wladimir Putin, der seine Gesichtspolsterung auf den Teint junger Athletinnen abstimmt? Hört das denn nie auf? Forscher entdecken ein 46 Millionen Jahre altes Mückenfossil voller Blut, und in dem Blut überlebt womöglich das Testosteron uralter Schürzenjäger?

Kein Wunder, dass Alice Schwarzer schon früh ihre Flucht in die Schweiz vorbereitete, wenn auch nur die Steuerflucht. Zumindest schleifte sie damit auch die letzte Männerdomäne, die Hinterziehung. Das wollte sie als Teil ihrer Privatsphäre verstanden wissen. Das größte Gelächter dazu drang aus der Schweiz und entrang sich der Kehle von Jörg Kachelmann, der auch mal versucht hatte, seine Privatsphäre zu schützen, damals vor Schwarzer.

Die aber ist inzwischen die verfolgteste Frau: erst die Männer, dann die Justiz, jede zweite Woche die Maischberger-Redaktion und immer die Zeitungen. Doch dann die Sensation: Nicht ihr Kopfsponsor Bild, sondern die Emma verteidigte Schwarzer: Sie habe alles richtig gemacht! Ja, diese Emma ist ein Nest der unabhängigen, selbstbewussten Frauen, die sich die Steuer nicht vom Brot nehmen lassen! Aber wenn man 200.000 Euro Steuer nur auf Zinserträge nachzahlen muss, dann sieht man das Brot vor Steuer nicht.

Kein Wunder, dass Hessens Finanzminister proklamierte: "Besser volle Kassen als volle Gefängnisse." Ein vorreformatorischer Ablasshandel für Reiche muss her, ein Winterschluss-Freikauf! Alles muss raus, warb auch die Schweiz, meinte aber missliche Migranten und ergriff die Gelegenheit, noch mehr Schweiz zu sein, das heißt niedlich gefunden zu werden, es aber nicht zu sein, ängstlich den eigenen Besitzstand zu wahren und die gute Nachbarschaft zu den Deutschen, denen der Europarat gerade Ignoranz im Umgang mit Rassismus attestierte. Im Grunde gehorchten die Schweizer Volksabstimmer der Maxime der abgehörten US-Diplomatin und ihrem "Fuck the EU!". Das also ist gemeint mit dieser panwestlichen "Wertegemeinschaft", von der man immer so viel hört, eine Gemeinschaft der materiellen Werte. Was aber die höheren angeht, hat ein Schweizer Gericht entschieden: "Drecksasylant" ist keine Diskriminierung, also Musik in den Ohren syrischer Kriegsflüchtlinge? Wenn die so einen Richter einen "Pisspansen" nennen würden, meinten sie das bestimmt liebevoll.

Ein bisschen diskreter war da das alte Bild, in das Politiker traditionell ihre Angst vor der "Überfremdung" packten: "Das Boot ist voll." Seit Lampedusa ist der Ausdruck nicht mehr im Umlauf. Die Wirklichkeit hat ihn beim Wort genommen. Es gibt jetzt stattdessen das Unwort des Jahres "Sozialtourismus" – ein Fachausdruck aus der Familie der "Sozialschmarotzer", einer Spezies untergeordneten Lebens, für das die Betroffenen was qualifiziert? Materielle Armut.

Bei anderen immateriellen Werten mussten wir lernen, dass sie gänzlich wertlos sind. Das "Vertrauen" sei gestört, unter Freunden "gehöre es sich nicht", das Handy abzuhören oder in fremden Poesiealben zu blättern, so hatten die großen Koalitionäre in ihrer Résistance für unsere Bürgerrechte proklamiert. Ja, heul doch! Ich will es auch ganz gewiss nicht wieder tun, sagte Obama, aber entschuldigen, das ginge dann doch zu weit, und ein No-Spy-Abkommen unterzeichnen noch zu weiter. Das Vertrauen der Kanzlerin gibt es schließlich gratis, und wenn uns die zwei Dackelfalten auf der Stirn des Präsidenten nicht reichen, können wir uns eine Kondolenz-App runterladen. Oder glauben Sie vielleicht, diese Kolumne wird nicht abgehört?

Olympisch wurde unterdessen die Disziplin "Vertrauen zurückgewinnen" – bei den USA, bei Putin, beim ADAC, beim Wendler: ein Wimpernschlag-Finale. Die USA wollen, dass wir sie beim Kampf um die Militärbasen in der Ukraine verteidigen und noch ein paar Preisboxer schicken, wogegen sich Putin auf der Krim neu positioniert. Der ADAC möchte raus aus der Motorhalbwelt und den Engeln ihren gelben Ruf wiedergeben, und der Wendler will bloß auf einen Emu-Hoden-Snack zurück ins Dschungelcamp und den Busch parfümieren.