Später würden die Zufälle aus ihrem Leben verschwinden. Doch am Anfang, an einem Mittwochabend im Mai 1951, gab es den Zufall noch. "Ich stand in der Vorhalle des Bonner Bundestages und wartete auf einen Wagen, der mich zu einer Kinoveranstaltung in die Stadt fahren sollte", so soll sie es später geschildert haben. Und da sei eben zufällig dieser Mann gewesen, ein Bundestagsabgeordneter, der ebenfalls in der Vorhalle stand. Er habe sie dann mit seinem Auto mitgenommen in die Stadt.

So hat ihre Liebesgeschichte begonnen. "Es war auf alle Fälle so, dass wir immer zusammen waren, wenn er in Bonn zu tun hatte", sagte sie laut dem Protokoll einer Vernehmung, die Jahre später geführt wurde. Einer Vernehmung der Stasi.

Der Mann, der sie demnach damals mit in die Stadt nimmt, ist Willy Brandt. Ein junger Bundestagsabgeordneter, 37 Jahre alt. Er pendelt zwischen Berlin und Bonn, ist zum zweiten Mal verheiratet, seine Frau Rut ist in Berlin schwanger mit dem zweiten Sohn. Die Frau, die seine Geliebte werden wird, überredet ihn an diesem Abend auf der Fahrt im Auto zu einem Kinobesuch, So grün war mein Tal, ein Film über walisische Bergarbeiter, die gegen die Grubenindustrie aufbegehren.

Thriller aus Liebe, Spionage und Entführungen

Wäre das Leben dieser Frau ein Film, es wäre ein Spionagethriller im Kalten Krieg, mit allem, was dazugehört: eine schöne Agentin, die zugleich Täterin und Opfer ist, ein prominenter Politiker, zwei verfeindete Geheimdienste, Entführungen, Gefängnis, Skandale. Eine Geschichte von Liebe und Verrat. Stoff für einen guten Film. Aber auch für ein gutes Leben?

Willy Brandt starb 1992, seine Geliebte lebt noch. Sie ist heute 93 Jahre alt und möchte nicht mehr an ihre Vergangenheit erinnert werden. Vergeblich hat das ZEITmagazin versucht, mit ihr oder ihren Angehörigen zu sprechen. Zu schmerzvoll sei das, lässt sie über ihren Anwalt ausrichten, außerdem erkenne sie kein öffentliches Interesse an ihren privaten Beziehungen: "Unsere Mandantin war mit Herrn Brandt wie auch mit vielen anderen Politikern bekannt, weitergehende Auskünfte über private Beziehungen erteilt sie nicht." Wir rekonstruieren das Leben dieser Frau deshalb, ohne ihren richtigen Namen zu nennen. Wir nennen sie Erika Schulz. Ort der Rekonstruktion ist das Willy-Brandt-Archiv der Friedrich-Ebert-Stiftung in Bonn. Dort liegen, in graue Kartons verpackt, 400 Meter Akten – der Nachlass des verstorbenen Altkanzlers. Dazu kommen Akten über Erika Schulz aus der Stasi-Unterlagenbehörde. Es dauert Tage, bis sich aus Briefen, Protokollen, Gerichtsdokumenten das Leben der Erika Schulz wie ein Puzzle zusammensetzt, sicher immer noch lückenhaft.

Als Erika Schulz Willy Brandt kennenlernt, ist sie 31 Jahre alt. Sie lebt von ihrem Mann getrennt, erzieht die zwei Kinder allein. Fotos zeigen eine große, schlanke, rothaarige Frau, elegant gekleidet. Eine Frau, die einen ausgeprägten Hunger nach Leben zu haben scheint, zielstrebig ist und das Elend der Kriegsjahre vergessen will. Sie ist Sekretärin eines FDP-Bundestagsabgeordneten, als sie 1950 beschließt, Journalistin zu werden. Ein Beruf, von dem sie sich ein höheres Einkommen und interessante Einblicke in die Politik verspricht. Sie wird Redaktionsassistentin der Westfälischen Rundschau, ein paar Monate später gründet sie mit einem der Redakteure der Zeitung die Bonner Informationsbriefe, deren Abonnenten vertrauliche Nachrichten aus dem Kanzleramt und den Ministerien erhalten sollen.

Willy Brandt und sie treffen sich, so steht es in dem Stasi-Protokoll, meist mittwochs am späten Abend. Er kündigt seine Besuche in Briefen an, handgeschrieben, seine schmale Schrift ist nur schwer zu entziffern. Oft holt sie ihn mit ihrem alten Adler Trumpf ab, sie fahren zu Lokalen in Bonn, Bad Godesberg oder im Ahrtal, reden über Alltägliches. Brandt besucht sie auch in ihrer Wohnung in der Neubausiedlung an der Reuterstraße.

Ihr Verhältnis bleibt nicht unentdeckt. Die Regierung in Ost-Berlin lässt Willy Brandt beobachten, seit er sich 1947 – erst als Presseattaché der Norwegischen Militärmission in Berlin, dann als Chefredakteur einer sozialdemokratischen Zeitung – vehement gegen die Zwangsvereinigung von KPD und SPD zur SED in der Sowjetischen Besatzungszone eingesetzt hat. In Brandt sieht die SED nicht nur einen offenen Kämpfer der SPD gegen die SED, sondern auch einen geheimen: Er sei ein leitender Kopf des Ostbüros der Partei – der Organisation, die die Sozialdemokraten in der DDR unterstützen will. Brandt hat diese Unterstellung stets bestritten.

Die Stasi will mehr über Brandt wissen. Dazu braucht sie Menschen, die ihm nahekommen. Menschen wie Erika Schulz. Als Schulz im Herbst 1951 eine Reise zur Leipziger Messe plant, wittern die Stasi-Mitarbeiter ihre Chance. Von einem Informanten wissen sie, dass Schulz sich sehr gern ein neues Auto zulegen würde, aber nicht genügend Geld hat. Über einen Strohmann werfen die Agenten ihren Köder aus: Auf der Messe könne sie einen westdeutschen Makler treffen, der ihr bei der Finanzierung helfen wolle.

Zufälle, die die Stasi orchestriert

Was in Leipzig passiert, wird Erika Schulz später auf dem Volkspolizeipräsidium Leipzig schildern. Sie verabredet sich mit dem Makler im Femina, dem angesagtesten Nachtclub der Stadt, so beliebt, dass der Eingang durch ein Gitter gesichert werden muss. Der Makler bekommt für sich und Erika Schulz problemlos Eintrittskarten. Im Erdgeschoss sind alle Tische reserviert, nur im Obergeschoss ist ein einziger weiß gedeckter Tisch frei. Zufällig, wie Schulz glaubt.

Sie bestellen Kognak. Er fragt, ob sie auf der Messe mit ihrem Geld auskomme. Sie verneint, und er gibt ihr 70 Mark Ost. Sie tanzen. Als sie sich wieder an den Tisch setzen, bemerkt Erika Schulz, dass ihre schwarze Lederhandtasche nicht mehr da ist. An den Nebentischen will niemand etwas beobachtet haben. Sie ruft den Ober zu Hilfe, bald darauf erscheint ein Kriminalbeamter, der ihr rät, mit aufs Präsidium zu kommen und eine Anzeige aufzugeben.

Nichts davon ist Zufall. Der Makler? Ein Lockvogel der Stasi. Der freie Tisch im Femina? Vom Geheimdienst organisiert. Die Tasche? Von einem Agenten entwendet. Der Kriminalbeamte? Ein Agent des Ministeriums für Staatssicherheit. Sein Tarnname ist Berger.

Während Stasi-Mitarbeiter die Handtasche durchsuchen und das Notiz- und Adressbuch von Erika Schulz kopieren, gelingt es Berger, Schulz als geheime Mitarbeiterin anzuwerben. Als Grund für ihre Bereitschaft notiert er finanzielle Interessen. Schulz bekommt von ihm eine Anzahlung und erhält den Decknamen Johanna. Eine ihrer Aufgaben lautet, über ihren Geliebten Willy Brandt an die Stasi zu berichten.