Es war einmal: Da ging die Vergangenheit einfach so vorüber, die Gegenwart erschien kurz und kompakt, und eine rosige Zukunft erstreckte sich in unendliche Weiten, auf deren Erkundung man gespannt sein durfte. Dieses "moderne Zeitregime", so die Diagnose der Konstanzer Literaturwissenschaftlerin Aleida Assmann, regiert uns nicht länger. Aktuelle Kulturdiagnosen beobachten, wie die Vergangenheit – etwa in Form einer regelrechten Erinnerungsindustrie – auf vielfältige Art um sich greift. Zugleich versumpfen wir in einer "breiten Gegenwart" (Hans Ulrich Gumbrecht) von historischen Datenmassen, die uns die Ära der Digitalisierung ungeordnet und gleichförmig ins Bewusstsein schaufelt. Und die Zukunft wird mittlerweile so mit Problemen überhäuft, dass man ihr die Lösung dieser gigantischen Aufgaben gar nicht mehr zutraut. Sie schrumpft zunehmend auf ein endzeitliches Format zusammen.

Die fein säuberlich getrennten Rubriken des temporalen Koordinatensystems sind demnach durchlässig geworden. Die Zeit ist aus den Fugen. Aleida Assmann verfolgt in ihrem Buch nun zwei Projekte: Zum einen erzählt sie die Geschichte vom "Aufstieg und Fall des Zeitregimes der Moderne" – "noch einmal", um es mit der Lieblingswendung des Buchs zu sagen, denn nach den großen Zeit-Geschichten-Erzählern wie Reinhart Koselleck, dem Assmann zu Recht den "Nobelpreis für historische Zeittheorie" zuerkennt, gibt es hier wenig Neues zu erfahren. Überhaupt wird in diesem Buch viel referiert, wiederholt, variiert, und dies bisweilen so sorglos, als blickten wir in ein Sammelsurium lose verbundener Exzerpte.

Die Rekonstruktion freilich ist nur Mittel zum Zweck. Denn zum anderen will Assmann die bloß destruktive Auffassung einer desorientierten Zeitlichkeit durch eine konstruktive ersetzen. Anstelle einer wahlweise alarmistischen oder depressiv-melancholischen Zeitstimmung begrüßt Assmann etwa, dass die Vergangenheit den akademischen Geschichtsverwaltern entrissen und damit gleichsam revitalisiert wurde. Vergangenheit begreift sie als eine Gedächtnisleistung, die mit Bedürfnissen und Interessen zusammenhängt, oft genug auch mit jenen Traumata, die zumal die Geschichte des 20. Jahrhunderts zuhauf verursacht hat. Die behauptete Krise einer spezifisch modernen Auffassung von Zeit verwandelt sich aus dieser Perspektive in eine "Chance der Selbstkritik, theoretischen Erneuerung und Kulturalisierung jenes Zeitregimes". Um unsere Identität auszubilden, benötigen wir eine Vergangenheit, die uns angeht, eine nicht zu kurze Gegenwart, in der wir uns einen Platz suchen können, und eine Zukunft, die uns aus dieser Perspektive noch etwas zu bieten hat.

Der Akzent freilich liegt auf der "Erinnerung". Tatsächlich erinnert dieses Buch an märchenhafte Zeiten der Geisteswissenschaften: an das intellektuelle Milieu der legendären Forschergruppe Poetik und Hermeneutik, an die monumentalen Lexika Geschichtliche Grundbegriffe und das Historische Wörterbuch der Philosophie; an die Epoche der geschichtswissenschaftlichen "big theories" und "opera magna"; an Assmanns eigene Bücher, die die hier vorgestellten Themen vielfach diskutiert haben. Man wird schon ein wenig nostalgisch angesichts von Zeiten, in denen die Universität allen Ernstes mit dem monopolistischen Selbstbewusstsein auftreten durfte, dass die Vergangenheit allein ihren Historikern gehöre.

Zu den wichtigsten Aspekten von Aleida Assmanns Studie zählen dagegen die Hinweise auf die "Vielfalt" und "Koexistenz multipler Zeitformen" sowie auf die Pluralität von "Modernisierungsschüben". Damit lässt sich das "moderne Zeitregime" tatsächlich aushebeln. Denn wenn diese Temporalordnung wesentlich an Erzählungen gebunden ist, dann bringen theoretische Argumente wenig: Geschichten lassen sich nur schwer widerlegen; man muss Gegengeschichten entwerfen, um sie zu entkräften und um ihnen ihre scheinbar naturwüchsige Plausibilität zu nehmen. Genau daran aber scheitert die Studie. Sie rutscht immer wieder in den Jargon des modernen Zeitregimes und huldigt dem großen Singular.

Statt etwa genau zu fragen, in welcher Situation bestimmte Historiker mit ihren "Bedürfnissen" die Geschichte von einem einzigen modernen Zeitregime entworfen haben, tritt bei Assmann wiederholt das amorphe Kollektiv "der" Historiker auf, die beängstigend reflexionslos alles ausblenden, "was den konstruktiven Charakter ihres eigenen Untersuchungs- und Darstellungsmodus betrifft". Entsprechend gerät dann auch die gesamte Zeitordnung seit den 1980er Jahren in die "Krise", und wir stehen am "Anfang" ihrer "Erneuerung". Der "Niedergang des modernen Zeitregimes" führt zu "ganz neuen Perspektiven" am Übergang zu einer "neuen weltgeschichtlichen Epoche" und einer "neuen Zeitrechnung".

Alles Heil kommt in dieser Modernisierungserzählung vom "Paradigma des Kulturellen Gedächtnisses", das Aleida Assmann mit Jan Assmann entwickelt hat. "Kultur, Identität, Gedächtnis", die zentralen Kategorien dieser Theorie, sind demnach zugleich "Schlüsselbegriffe unseres Weltverständnisses und unserer Geschichtsorientierung", die zu einer Revolution "der Humanwissenschaften" beigetragen haben. Solche Homogenitätserwartungen helfen aber nicht wirklich weiter. Wissenschaft funktioniert anders. Ich kenne einige Kolleginnen und Kollegen, die mit den genannten Begriffen erfolgreich hantieren. Aber ich kenne auch viele, die damit gar nichts anfangen können und trotzdem ganz gut vorankommen. "Kulturen gibt es (...) nur im Plural" – das gilt zumal für die Kulturwissenschaften, die auch ihre eigene "vielgestaltige Realität" anerkennen sollten, um das moderne Zeitregime tatsächlich "aus den Fugen" zu bringen.