Bling, mein Gast vom Mars, war wieder mal da, pünktlich zur Hoeneß-Affäre. Obwohl bedeutend intelligenter als wir, versteht er unsere Welt nur partiell und nervt deshalb mit absonderlichen Fragen.

"Warum", löchert er, "war das Hoeneß-Urteil allen Blättern die Seite eins wert – und bis zu vier Seiten im Inneren? Ein Wurstfabrikant und Fußballclub-Chef?" – "Na, weil er eine Rekordsumme, 28 Millionen, an Steuern hinterzogen hat." Bling, süffisant: "Wieso kann bei euch richtig berühmt werden, wer dem Staat Geld klaut? Warum haben nicht auch die privaten und staatlichen Banker, die doppelstellige Milliarden verbrannt haben, solchen ›Ruhm‹ geerntet? Oder Regierungen, die mit derlei Schulden künftige Generationen ausrauben?"

"Weil, mein lieber Bling, Sport eine mächtige Rolle auf unserem Planeten spielt. Denk mal an O. J. Simpson, den Football-Star, der Amerika monatelang in Atem gehalten hat. Oder an Paralympics-Sieger Pistorius in Südafrika." Bling: "Das ist was anderes – ein uraltes Drama: Liebe, Leichen, Leidenschaft. Klytämnestra, die den Agamemnon meuchelte und dafür von ihrem Sohn umgebracht wurde, beschäftigt die Menschheit noch heute. Es ging um ewige moralische Konflikte, welche die großen Tragödien der Weltliteratur gezeugt haben. Steuern zu hinterziehen ist nicht Tragik, sondern Gier. Nichts für Aristoteles, der den Dreiklang Furcht-Mitleid-Katharsis, etwa: ›Reinigung der Seele‹, erfand."

Bling gerät in Fahrt: "Ihr beschäftigt euch doch genauso obsessiv mit Gespielinnen von Fußballern – mit dieser Sylvie ...?" – "... van der Vaart." – "Richtig! Und mit Models. Mit Leuten, die berühmt sind, weil sie berühmt sind. Andy Warhol hatte das schon 1968 erkannt: ›Künftig wird jeder 15 Minuten lang weltberühmt sein.‹ "

Bling lässt nicht locker: "Früher musste man für seinen Ruhm etwas tun, nicht bloß etwas sein. Moses, der aus Sklaven ein Volk gemacht hat. Alexander, der ein Weltreich erobert hat. Jonas Salk, der Polio besiegt hat. Oder man musste maximal niederträchtig sein wie Stalin und Hitler. Wo würde Shakespeare heute die Vorlage für Jago hernehmen? In eurer Welt gibt es weder Helden noch Schurken von Format."

"Okay, aber du regst dich über etwas auf, was eigentlich sehr beruhigend ist. Besser Heidi Klum als Dschingis Khan. Besser ein Großbetrüger als ein Großinquisitor. Oder ganz nüchtern: In unserer Welt sind die Extreme gekappt worden; es regieren Sicherheit und Berechenbarkeit."

Dieser Artikel stammt aus der aktuellen Ausgabe der ZEIT, die Sie am Kiosk oder online erwerben können.

Bling: "Und deshalb herrscht auch große Langweile! Folglich macht ihr das Triviale zur Sensation, das Model zum ›Rollenmodell‹, die Hotelrechnung eures Wulffs zur Staatskrise und das unausweichliche Schuldbekenntnis eines Hoeneß zur vorbildlich-moralischen Geste. Aber ein Marsmensch ist wohl zu blöd."

"Nein", flöte ich. "Du hast einen IQ von 250. Du verstehst bloß nicht, wie wir uns im 21. Jahrhundert eingerichtet haben. Wir wollen keine echten Schurken und Helden mehr, weder Charismatiker noch Himmelsstürmer. In Wahrheit genießen wir die Langeweile – und gieren umso mehr nach dem Kitzel. Der Voyeurismus ist der Kick ohne Risiko und Reue." – "Wie banal", knurrt Bling. Mir fällt bloß noch ein: "Banal ist besser als fatal."