Jeder, der einen runden Geburtstag jenseits der dreißig feiert, hat die Bewunderer auf seiner Seite. Mag sich mit vierzig eine leichte Brüchigkeit in das Selbstbewusstsein einschleichen und das Knallen der Korken mit fünfzig von vager Verwunderung begleitet sein, so ist der Sechzigste ein Fest der Windstille, der souveränen Überschau des Bewirkten und Erreichten. Von Vorfreude auf das letzte Drittel sprach jetzt ein Jubilar, ein Mann der Zahlen, und machte so mit einem Schlag ein sattes Stück Zukunft urbar, von dessen Rand sich gut in die Vergangenheit blicken ließ. Und wirklich löste sich in Gesprächen unter Freunden und Verwandten, die von weit her gekommen waren, die Kristallisation seiner Verhältnisse unmerklich in frühere, flüssigere Aggregatzustände auf. Da war das Ehepaar, das den einstigen Junggesellen umsorgt und ihm Kandidatinnen zugeführt hatte, deren Niederlage es noch immer nicht für ganz amtlich hielt. Da war die glücklich verheiratete Dame, die bemerkte, dass sie, wenn sie etwas jünger wäre, sich ihr Leben sehr gut auch mit dem Geburtstagskind hätte vorstellen können: Ich kannte ihn eher als dich, er war mein Banker, nicht deiner, belehrte sie ihren Gatten.

Geblendet vom Glanz des festlichen Moments, liebäugelte mancher damit, entscheidende Schritte einzuleiten und gleich dem Jubilar samt Familie nach Berlin zu ziehen, um in einem Villenvorort der Hauptstadt von vorn anzufangen. Eine Trauernde ließ künftige Möglichkeiten wie Saiten anklingen, warum nicht Übersetzerin werden, nach Afrika reisen, verehrten Pianisten folgen? Ein Chirurg erging sich in Erinnerungen an die Zeit, als er dem Vater zuliebe Medizin studierte, aber sein Herz für die Verhaltensforschung schlug und er sich mit Hingabe in fachfremden Vorlesungen herumtrieb. Nach neun Jahren Spezialausbildung hatte der kindliche Gehorsam unumstößliche Fakten geschaffen, und doch schleppt er, eine Koryphäe seiner Kunst, die eigenen Kinder noch immer in jeden Tierfilm. Ein Jurist, der mit seiner Berufswahl im Reinen war, schwärmte vom Hoeneß-Prozess, den er für ein abgekartetes Spiel hielt, als Shakespeareschem Drama: "Das sind kultische Dimensionen, das Schuldgeständnis, die reinigende Fußfessel und bald der Wiedereintritt in die Gesellschaft." Gut möglich, dass Uli Hoeneß auch das letzte Drittel dramaturgisch plant.

Doch das Vorbild des Tages war Rembrandt van Rijn. Am Nachmittag hatten sich die Gäste zu einer Führung in der Gemäldegalerie eingefunden. Dass der Niederländer verschwenderisch gelebt hatte, wie die Führerin mehrfach vorwurfsvoll wiederholte, ließ ihre Zuhörer kalt. Eher schon sprach das idealisierte jugendliche Selbstporträt des Künstlers die Emotionen an, war doch auch der Geburtstag so ein Ich-Entwurf vor Publikum. Wirklich fasziniert lauschte man den Erläuterungen, die Rembrandts Art betrafen, hehre mythologische Motive in alltägliche Szenen des 17. Jahrhunderts zu verwandeln. Nicht der Aufsichtsratschef als Shakespeare-Bösewicht machte Eindruck, sondern umgekehrt die Göttin Minerva als Mädchen von nebenan. Brillierte doch auch die Feier des Sechzigsten darin, das Titanenwerk des Alterns selbstverständlich und spielerisch leicht erscheinen zu lassen. Mit einer im Museum anklingenden Maxime der vom späten Rembrandt frequentierten Mennoniten ging es an diesem Tage tout court darum, "die Seele vom festsitzenden Schleim der Verwirrung zu befreien". Und was die rechnerisch nicht zu entwirrende Portion nach dem anvisierten letzten Drittel betrifft, so erinnerte die bibelfeste Schwester des Gefeierten an das Haus des Vaters, das viele Wohnungen hat: "Ich habe mir immer einen Altbau gewünscht."