Es war so gut gemeint. Im Oktober 2010 beschlossen 193 Staaten, der kommerziellen Ausbeutung der Natur Grenzen zu setzen und der Biopiraterie Einhalt zu gebieten. Wer im peruanischen Regenwald oder in der kenianischen Savanne heilsame Pflanzen entdeckt oder das therapeutisch wirksame Gift einer Spinne, soll künftig seinen lukrativen Fund nicht nutzen dürfen, ohne Peru oder Kenia zu beteiligen. Die Ausfuhr und der Austausch von Proben und Funden werden von den Staaten gesetzlich geregelt, ein Verstoß wird international geahndet. So soll der genetische Reichtum der Natur in manch armem Land den wirtschaftlichen Wohlstand fördern.

Vor allem Brasilien hatte die Verhandlungen vorangetrieben, mit Erfolg: Ende Februar dieses Jahres hatten 92 Staaten das sogenannte Nagoya-Protokoll unterzeichnet, 29 das Abkommen formell ratifiziert. Und auch Deutschland wird sich dem Kampf gegen die so genannte Biopiraterie bald mit einem Gesetz anschließen.

Ein Happy End also? Nicht für alle. Jetzt spüren gerade jene den Fluch der guten Tat, die für die Erforschung der biologischen Vielfalt verantwortlich sind: Zoologen und Botaniker, Forschungsinstitute und naturkundliche Sammlungen. Die Gesetze zum Schutz der Biodiversität gefährden die Biodiversitätsforschung – gerade in Ländern, für die sie wichtig ist. Denn in keinem der Protokolle und Gesetze wird zwischen Erforschung und kommerzieller Nutzung genetischer Ressourcen sauber unterschieden. Die Folge: Was Wissenschaft vorantreibt – der freie Austausch von Daten und Proben –, wird künftig zum lähmend bürokratischen Akt.

Die Weitergabe jeder Pflanze, jedes Tiers, jedes Genomdatensatzes wird künftig von einem Wust von Genehmigungen, Beschränkungen, Nutzungsverordnungen begleitet. Es gilt, nationales und internationales Recht zu beachten. Dabei geht nicht nur viel Zeit verloren, sondern auch die Übersicht. Wenn bei internationalen Kooperationen die Forscher künftig mit einem Bein im Gefängnis stehen, lassen sie das Kooperieren womöglich lieber sein.

Ausgerechnet Brasilien hat nun auf den drohenden Bürokratismus reagiert und das Gesetz zum Schutz seiner genetischen Ressourcen entschärft. Zuvor war es so streng, dass selbst Forscher in verschiedenen brasilianischen Bundesstaaten nicht mehr zusammenarbeiten konnten.

Deutschland hat noch eine Chance, bei der Umsetzung der internationalen Vereinbarung die entscheidende Trennung vorzunehmen. Ins Gesetz zu schreiben, dass die Nutzung genetischer Ressourcen nur dann unter das Nagoya-Protokoll fällt, wenn sie kommerzielle Interessen verfolgt; die Naturkundler hingegen müssen weiterhin freien Zugang zum genetischen Reichtum des Planeten haben. Sie sind es schließlich, die ihn erst einmal entdecken müssen, bevor man ihn schützen kann.

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