Wenn die Sonne durch das Glasgewölbe strömt, unter dem die Menschen auf Treppen, in Liften hoch- und runterfluten (falls sie nicht draußen unter noch kahlen Bäumen Grillwurst kauen) – dann fällt es schwer, nicht in das Allerlei der Leipziger Buchmessenbegeisterung zu verfallen. Ist es nicht wahnsinnig viel schöner als in Frankfurt? Entspannter? Bunter? Jünger? Kindlicher? Verrückter? Ja, ja, nochmals ja. (Das reicht.)

Die Leipziger Buchmesse verströmt diese Frühlingstrunkenheit. Männer im Kimono, Mädels mit Libellenflügeln. Sarrazin zum Anfassen. Adolf Muschg als senior poet. Das ist alles so schön wie die Zahlen. Der Besucherrekord, 237 000 Leute, 3200 Lesungen, an 410 Leseorten! Man ist versucht, gegen diese Zahlenhuberei zu halten. Strahlt so eine Selbstzufriedenheit aus. Schlimmer noch: hat einen Hautgout von "Seht mal – der Osten!".

Das hätte Leipzig gar nicht nötig. Denkt man an das, was aus Leipzig hängen bleibt, ist es nicht der Kindergarten. (Apropos: Könnten diese Kinder eine Aufgabe kriegen, damit sie an ihrem schulfreien Büchertag nicht ziellos wie Kälber durch die Gänge treiben?) Leipzig schafft es, seiner Messe mit der Eröffnung einen einzigartigen Rahmen zu geben. Kulisse Gewandhaus. Perfekter Einsatz von Bach sowie dem Buchpreis zur Europäischen Verständigung. In diesem Jahr gelang ein großartiger Pas de deux, um diese Peinlichkeit herum, den die Fremdenfeindlichkeit des Gastlandes Schweiz jüngst erzeugte. "Alles, was Odem hat" reicht nicht zu loben, wie leichtfüßig der indische Preisträger Pankaj Mishra im Oxbridge English erläuterte, dass er sein Verständnis von Buddha natürlich Schopenhauer und Nietzsche verdankt, andererseits die indischen Religionen seinerzeit Herder und Schlegel inspirierten, jenseits der griechisch-römischen und christlich-jüdischen Tradition eine spirituelle Einheit der Welt zu postulieren. Besser hätte man die Schweiz in Leipzig nicht empfangen können, als es dieser kleine, dunkle, langhaarige Professor aus Uttar Pradesh im Rund der Bleichgesichter tat – die Schweiz ihrerseits zeigte sich satisfaktionsfähig mit Alain Berset, dem Vorsteher des Eidgenössischen Departements des Innern, der sich selbstironisch von den Fettnäpfchen entfernte.

Die Verleihung des Leipziger Buchpreises pflügte gradlinig durch das Getöse um die rechte Literatur auf Bücher zu von unzweifelhafter Qualität, den Roman Vor dem Fest von Saša Stanišić, Robin Detjes Übersetzung von William T. Vollmann, Helmut Lethens Kunstkritik. Dann wären da noch die Menschentrauben, die vor dem Stand der Ukrainer ausharrten, wo ein Dichter im durchschwitzten Hemd aus dem druckfrischen Bändchen Majdan! rezitierte. Im UT Connewitz, dem ältesten Lichtspieltheater Leipzigs, saßen Dichter wie Jurij Andruchowytsch aus der Ukraine oder Svetlana Slapšak aus Ljubljana, um an diesem Ort, der 1945 als Bunker diente und später den Punks als Unterschlupf und der noch immer ausgebrannt wirkt, über 1914 zu reden, als junge Menschen begierig anstanden, ihre Heimat zu verteidigen, wie man es heute, 2014, in der Ukraine wieder sieht. So was kann Leipzig. Davon braucht es mehr.