Die Taliban, fällt den Deutschen irgendwann auf, schießen beinahe beamtisch: Sobald in einer der umliegenden Moscheen ein Muezzin ruft, hören sie auf. Auch nachts feuern sie nicht. Doch am nächsten Morgen hagelt es wieder Mörsergranaten auf die Baustelle des combat outpost, prasseln wieder Schüsse in die Bäume. Am Abend des zweiten oder dritten Tages, da widersprechen sich die Erinnerungen, haben die Deutschen ihre Munition verschossen, bis auf den "Sperrbestand", die eiserne Reserve. Christian Haupt klappt seinen Spaten auf und gräbt ein Loch.

"So", ruft Johannes Clair in den Saal, "heute wird es um die Sicht des einfachen Soldaten draußen aus der Schlammzone gehen!"

Clair steht in der Sparkassen-Filiale von Scheeßel, einem kleinen Ort zwischen Hamburg und Bremen. Er ist hier aufgewachsen. Der örtliche Männertreff hat ihn eingeladen, ein Verein für Männer ab 50, die gemeinsam wandern, Rad fahren und sich Vorträge zu Themen wie "Patientenverfügungen" oder "Prostataprobleme" anhören. An die 80 Zuhörer sind gekommen, Grauhaarige und Glatzköpfe, viele Schnauzbartträger – Nachkriegskinder. Vorne, im Lichtkegel eines Beamers, Clair, der ihr Sohn sein könnte und erzählt: "Wir haben ein Land, das doppelt so groß ist wie Deutschland ... 49 Sprachen ... 90 Prozent der Landesfläche höher als 600 Meter ... keine Eisenbahn, kaum asphaltierte Straßen ... voneinander isolierte, verfeindete Ethnien."

Eine Stunde lang berichtet Clair aus seiner Schlammzone, von "Sandsackstellungen" und Gefechten mit "Aufständischen". Er reicht den Splitter einer Granate herum und eine Keramikplatte seiner Schutzweste, die stumm befühlt, gewogen und weitergegeben wird. Die Alten schauen und schweigen, als rede da vorne ein Tiefseetaucher, der ein paar Muscheln mitgebracht hat.

"Vielleicht kommt ja noch die eine oder andere Frage von Ihnen", sagt Clair.

Stille.

"Ja, wie gesagt", sagt Clair.

Schweigen.

Dann meldet sich ein Mann mit Baskenmütze und sagt, er finde das Wort "Aufständische" unangemessen. Für ihn seien die Taliban "Widerstandskämpfer gegen die Invasoren des Westens".

"Das können Sie so sehen", sagt Clair. "Die Aufständischen glauben ja genauso an das, was sie tun, wie ich an das glaube, was ich tue." Bloß habe er nie zuerst geschossen, keinen Selbstmordattentäter losgeschickt und kein Kind als Schutzschild missbraucht.

Dies ist der Augenblick, in dem eine Diskussion beginnen könnte über das Für und Wider der neuen Kriege. Aber als Clair geantwortet hat, verfällt das Publikum wieder in Schweigen, Salzstangen kauend.

Clair muss die Debatte mit sich selber führen: Hat seine Anwesenheit in Afghanistan die Lage beruhigt oder verschärft? Ist jeder deutsche Soldat im Ausland einer zu viel – oder waren sie in Kundus eher zu wenige?

Zur Hälfte seines Buches fragt Clair: "Was brachte es, in einem Dorf einen Brunnen zu bauen, wenn wir damit gleichzeitig ein anderes Dorf erzürnten, weil es mit dem ersten Dorf verfeindet war. Welchen Sinn ergab es, eine Mädchenschule zu eröffnen, wenn sie nach kurzer Zeit wieder schließen musste, weil wir sie nicht ständig schützen konnten."

Es ist seltsam: Wenn der Bundespräsident fordert, Deutschland solle sich in der Welt "entschiedener" und "substanzieller" einbringen, bekommt er kaum Zuspruch – aber auch kaum Widerspruch. Im deutschen Fernsehen läuft jeden Abend irgendeine Talkshow, aber da geht es öfter um Pannenflughäfen und bischöfliche Protzbauten als um Afghanistan. Nie gab es so viel Anschauungsmaterial wie von diesem Krieg, die Soldaten filmen mit Handys und Helmkameras, laden ihre Bilder auf YouTube hoch – und doch bleibt ihr Einsatz entrückt.

Weil die Soldaten freiwillig aufgebrochen sind?

In Deutschland sind Kriege mit Schuld und Scham verbunden. Die Stille von Scheeßel aber hat für den Hamburger Historiker Klaus Naumann noch einen anderen Grund. In dem Buch Operation Heimkehr bezeichnet er Soldaten wie Clair als "Heimkehrer in eine Friedensgesellschaft" – eine komplizierte Konstellation. Während Kriege früher oft die Mitte der deutschen Gesellschaft erreicht, Städte zerstört und Zivilisten getötet hätten, fänden sie heute "weitab unserer Alltagswelt" statt. "Die Risikogemeinschaft von Soldaten und Zivilbevölkerung gehört der Vergangenheit an", schreibt Naumann. Der Bürger interessiert sich nicht, die Politik informiert ihn nicht. Das sei bequem, aber unehrlich: So komme es nicht mehr zu einer "Verständigung über Sinn und Unsinn, Legitimität und Problematik kriegerischer Gewalt".

Wenn Tim Focken gefragt wird, was mit seinem Arm ist, antwortet er inzwischen: "Motorradunfall."

Der Letzte aus Clairs Familie, der in einen Krieg zog, war sein Urgroßvater, vermisst in Stalingrad. Einmal bekam Clair in Afghanistan Post von seiner Großmutter, da stand: "Lieber Johannes, meinen letzten Feldpostbrief habe ich 1943 geschrieben, das war in der 4. Klasse. Kannst Du Dir das vorstellen?" Sein Vater, ein Sozialpädagoge und Pazifist, schrieb nicht.

Auf dem Weg nach Scheeßel hat sich Clair zig Argumente zurechtgelegt: "Ich finde Idealisten toll, die sagen: Krieg ist scheiße. Ich finde Krieg auch scheiße! Aber leider leben auf der Welt nicht nur Pazifisten. Es gibt auch ein paar Böse." Er hätte in der Sparkasse auch gern gesagt, dass er alle verstehe, die gegen Auslandseinsätze seien – dass die dann aber auch bitte dementsprechend wählen sollten.

Doch Clair wird seine Argumente nicht los. Als er sich noch einmal erkundigt, ob es noch Fragen gebe, ziehen seine Zuhörer schon die Jacken an.

In den Gräben um Quatliam gibt es am dritten Tag kein Vor und kein Zurück. Die Taliban schießen, treffen aber nicht. Liegt es an der guten Deckung der Deutschen? Oder sind die Taliban besser darin, Bomben zu bauen aus Dünger und Metallschrott, als mit Schnellfeuergewehren einen Kopf zu treffen, der sich für einen Sekundenbruchteil aus dem Graben hebt?

Aus ihren Stellungen sehen die Soldaten immer öfter Hubschrauber und Kampfjets am Himmel kreisen. Aus dem Feldlager Kundus schießt eine Panzerhaubitze, ein Kreischen kündigt ihre Raketen an. Die Stellungen der Taliban gehen in Feuer auf. Die Deutschen – jubeln.

"Wir haben gelacht, wie irre gelacht", sagt Christian Haupt.

Haupt sitzt neben einer kalkweißen Theaterbühne der Alanus Hochschule für Kunst und Gesellschaft in Alfter, einer kleinen Gemeinde westlich von Bonn. Große Fenster geben den Blick ins Rheintal frei, auf das ehemalige Regierungsviertel und den Petersberg. Es ist die Kulisse der alten Bundesrepublik, vor der Haupt sein neues Leben aufführt, mit dabei ist seine Freundin Swetlana, geboren in Kasachstan, sehr blond und sehr quirlig. Eine Schauspielschülerin, die viel lacht und oft "Verdammte Axt!" sagt.

Als er nach Afghanistan abkommandiert wurde, war sie nur eine Bekannte und rief ihm hinterher: "Verdammte Axt, Christian! Du bist doch kein Hund! Du machst doch nicht Sitz, Platz, Fass!" Doch er ging, als kräftig gebauter Mann mit 78 Kilogramm Gewicht. Als er zurückkam, wog er nur noch 64 Kilo und stand vor ihr wie ein Gespenst.

Sie nahm ihn dann öfter mit hinauf auf den Berg über Bonn, in diese Hochschule mit anthroposophischer Ausrichtung, die in Fachbereiche wie "Bildhauerei", "Schauspiel" und "Eurythmie" untergliedert ist und unterstützt wird von Firmen wie der Drogeriekette dm und dem Naturkosmetik-Hersteller Weleda. Die Studenten spielen hier Peter Pan und Die Welle. Am Schwarzen Brett vor der Kantine hängen bunte Flugblätter: "Bundesweiter Literaturwettbewerb für AutorInnen mit Migrationshintergrund", "Klavier zu verkaufen", "Zertifikatskurs Anthroposophie".

"Krass, was?", sagt Haupt. "Hier sind die Uncoolen cool."

Von Muli, dem "Einsatzjunkie", reden sie voller Respekt und Ratlosigkeit

Mit seiner Freundin und einem Kommilitonen hat Haupt ein eigenes Stück geschrieben, es heißt Kopf oder Zahl, eine Aufführung ist auf Video festgehalten: Verschüttet von Chipstüten, Zigarettenschachteln und anderem Zivilisationsmüll, sitzen die drei auf einem Sofa und versuchen einen klaren Gedanken zu fassen über den Lauf der Welt, über die Macht des Militärs, der Politik, der Wirtschaft und ihren eigenen Einfluss als Konsumenten – aber es gelingt ihnen nicht, weil sie sich andauernd ablenken lassen von Handybotschaften und Werbespots.

Das Stück wird getragen von der Wut auf den Wohlstandsbürger, von der Kompromisslosigkeit der Jugend, die Haupt gerade nachzuholen scheint. Manchmal wirkt er, als sehe er sich in seiner neuen Rolle verblüfft selbst zu. Viele Sätze beginnt er mit den Worten: "Ich bin ja kein Hippie, aber ..."

"... nur der Mensch mordet. Keine Maus würde eine Mausefalle bauen."

"... wem Gewalt widerfährt, der trägt sie in sich."

"... wenn jemand zum Militär will, rede ich so lange mit ihm, bis er seine Meinung geändert hat."