Angeblich neigen wir Deutschen zu Selbstzweifeln, im Umweltschutz gilt das nicht. Wir sind Vorreiter – diese Überzeugung ist hier in nahezu jeder Runde mehrheitsfähig. Und vom Besitzerstolz auf Windräder und Solaranlagen ist es dann nur noch ein kleiner Schritt zu einer eher herablassenden Kritik an weniger fortschrittlichen Ländern. Polen, zum Beispiel.

Nun gibt es Anlässe, diese Haltung zu überdenken. Einer davon ist die Energiepolitik der EU. Noch in diesem Monat wollten die EU-Staaten sich auf eine langfristige Strategie für ihren Emissionshandel verständigen, wahrscheinlicher aber ist, dass die Verhandlungen noch Jahre dauern werden. Ein anderer Anlass ist der Sieg der Deutschen im Streit mit der EU um Ausnahmen bei den Ökostromkosten. Nicht weniger als 65 Branchen will Energieminister Sigmar Gabriel entlasten – die EU-Kommission hatte ein solches Entgegenkommen als unzulässige Subvention kritisiert.

Vor allem aber wirft der russische Vormarsch in der Ukraine einen Schatten auf die europäische Energiepolitik. Spätestens jetzt sollten wir Deutschen einsehen, dass es in der Energiepolitik anderer Länder Kriterien gibt, die mit Umweltschutz wenig zu tun haben. Und die trotzdem zählen.

Im Streit um den Emissionshandel war die deutsche Weltsicht bislang einfach und wohl geordnet. Hier wir als ökologische Avantgarde, die am Niedergang des Emissionshandels leidet, weil er unsere anspruchsvollen Ziele untergräbt. Dort die rückständigen Ostmitteleuropäer, die sich einer Reform verweigern, um ihre Kohleindustrie zu schonen. Polen hat im Ökolager das Image eines regelrechten Schurkenstaats, seit die Regierung vergangenes Jahr als Gastgeber der UN-Klimakonferenz in Warschau zugleich eine Konferenz der Kohlelobby zugelassen hat.

Aus Sicht der Kritiker hält Polen nur aus schlechten Gründen an seinen fossilen Energieträgern fest – Lobbyinteressen, Traditionalismus, Fantasielosigkeit. Es gibt aber daneben auch einen absolut nachvollziehbaren Grund für die polnische Position: Indem das Land auf seine eigenen Kohlevorräte setzt, vermeidet es eine Abhängigkeit von russischem Gas, wie sie der Ukraine zum Verhängnis geworden ist. Dort hat Russland seit Jahren mitregiert, indem es den Gaspreis als Druckmittel einsetzte. Soll man die Polen dafür kritisieren, dass sie nicht in diese Lage geraten wollen?

Wir sind die Guten: Es ist ein seltsamer Narzissmus, der in dieser Haltung zum Ausdruck kommt. Er prägt auch die deutsche Position im Streit um die Ökostromausnahmen: Weil wir ja ohnehin die Avantgarde sind, nützen Umweltauflagen für unsere Industrie nur der Konkurrenz im Ausland. Und die produzieren schlechter und umweltschädlicher als wir.

Mag sein, dass diese Sicht der Dinge einmal richtig war, inzwischen ist sie es nicht mehr. Wo werden die meisten Windräder gebaut? In China und den USA. Wo fahren die meisten Elektromobile? In den USA und Japan. Wo geht die Industrie besonders sparsam mit der Energie um? In Japan, Irland und Südkorea.

Ein Wirtschaftszweig, dessen Interessen der Bundesregierung besonders am Herzen liegen, ist ausgerechnet die Zementindustrie. Sie verbraucht viel Strom, weshalb die Branche darauf gedrungen hat, von den Ökostromkosten befreit zu werden. Doch im Weltmaßstab ist die europäische Zementindustrie rückständig, und im europäischen Vergleich ist es die deutsche. Die Ökostromausnahme, die Gabriel erkämpft hat, ist nichts anderes als eine Subvention, die dieser Branche helfen soll, gegen sparsamer und umweltfreundlicher produzierende Konkurrenten zu bestehen. Wo diese sitzen? In Indien und China.

Soll Europa eine gemeinsame Energiepolitik bekommen, müssen die Regierungen das im Konsens beschließen; mehr als der kleinste gemeinsame Nenner kann dabei nicht herauskommen. Wer dennoch ein gutes Ergebnis erzielen will, sollte die legitimen Interessen seiner Gegenüber anerkennen und die eigenen nicht allzu sehr überhöhen. In der Umweltpolitik sind wir Deutschen nicht ganz schlecht, aber wir sind auch nicht die Guten. Und wir werden besser sein, als wir es jetzt sind, wenn wir das einsehen.