Im März 2009 machte Erwin Sellering (SPD), damals seit einem halben Jahr Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsident, eine Zahl heftig zu schaffen: 43 Prozent der Wahlberechtigten wünschten sich einen Einheimischen an der Spitze der Landesregierung; einen wie Harald Ringstorff, lange Jahre Schweriner Premier. Für Sellering, der aus dem Ruhrgebiet stammt – und der der letzte Regierungschef der neuen Länder ist, der nicht im Osten geboren wurde –, war das ein Problem. Und weil die Staatskanzlei versucht hatte, die brisante Zahl unter Verschluss zu halten, drohte aus dem Problem ein Fiasko zu werden.

Sellering musste handeln. Er entschloss sich, ein Interview zu geben, es erschien in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung – und ist bis heute legendär. Weil er, der Westdeutsche, darin die DDR verteidigte, wie wohl kein Ostdeutscher es gewagt hätte. Sellering verwahrte sich dagegen, die DDR als Unrechtsstaat zu bezeichnen, "in dem es nicht das kleinste bisschen Gute gab". Das hatte zwar niemand behauptet, aber darauf kam es nun nicht an. Sellering überraschte alle. Seine SPD, den Koalitionspartner, die Opposition im Landtag. Noch heute wird berichtet, dass sich in den Tagen und Wochen darauf die Briefe stapelten. Der Inhalt: Lob und Dank. Endlich einer, der nicht gleich draufhaute, wenn es um die DDR ging. Sellering hatte sein Thema gefunden.

Er war jetzt der, der den Osten verteidigt – und zwar ohne die Scheu von Stanislaw Tillich in Sachsen oder den pastoralen Ton von Christine Lieberknecht in Thüringen. Allerdings auch ohne zwischen falschem und richtigem Leben in der DDR zu unterscheiden. Es war der Beginn einer PR-Kampagne, auch wenn Sellering das bestreitet.

Sellering hat verstanden, wie er punkten kann. Er spricht aus, wovon er glaubt, dass es die Menschen denken. Er fordert, was sie fordern. Und: Er versucht zu helfen. Ein Kümmerer zu sein.

Sellering ließ Referat 160 gründen, das Bürgerreferat. Es gehört zu den größten Referaten der Staatskanzlei und ist ein Grund dafür, dass diese von der jüngsten Sparrunde verschont blieb – anders als die Ministerien. Fünf Mitarbeiter beantworten in "160" die Post mit Bitten und Beschwerden, vor allem aber bereiten sie die Sprechstunden des Ministerpräsidenten vor. Neun- bis zehnmal pro Jahr fährt Sellering nach Greifswald, Pasewalk oder anderswo, jede Region ist mal dran. Jeder Bürger soll die Möglichkeit haben, Sellering zu treffen. 15 Minuten nimmt der sich Zeit für jeden, der sich angemeldet hat. Typische Themen sind Unterrichtsausfall, Straßenbau, Hartz IV. Dass sich damit auch Kabinettskollegen und andere Behörden bereits befassen? Das schert Sellering nicht weiter. Während Bürgerbeauftragter und Petitionsausschuss eng kooperieren, macht Referat 160, was es will. Was Sellering will. Fälle werden nicht abgeglichen. Aus Datenschutzgründen, heißt es offiziell. Das bedeutet nicht selten doppelte Arbeit, mehr Bürokratie. Egal – der Eindruck lautet: Sellering kümmert sich. Weil die Menschen noch immer umsorgt werden wollen? Wie früher im Sozialismus?

In der Politik wird gefrotzelt über die Rückkehr des Eingabewesens nach Art der DDR. Nur öffentlich sagen mag das keiner. Lieber ahmt man Sellering nach, wenngleich nicht so erfolgreich. Für ihn, den Kümmerer, den DDR-Versteher, ist die Lage komfortabel. Sein Land steht finanziell derzeit gut da, die Regierung nimmt mehr Geld ein, als sie ausgibt. Schnürt Millionenpakete für Kitas und Schulen; Hilfspakete für Kommunen oder den Flughafen Rostock-Laage. Die Erfolge des Landes verbucht Sellering als SPD-Erfolge. Seit dem Wahlsieg 2011 sind die Ministerien nach seinen Wünschen zugeschnitten. Und im Kabinett lässt er den Partner CDU gelegentlich spüren, dass er im Zweifel auch mit der Linken regieren könnte. Im Gegensatz zu den Christdemokraten. Das hält diese zahm.

Sein Kümmerer-Image hat Sellering völlig verinnerlicht. "Wir können stolz sein", wiederholt er bei jeder sich bietenden Gelegenheit. "Stolz" ist sein zweites Lieblingswort. Das erste heißt "toll". Sellering ist geübt darin, Optimismus zu verbreiten, häufig trifft er den richtigen Ton. In Umfragen liegt er weit vor Linken-Fraktionschef Helmut Holter oder Lorenz Caffier (CDU), dem Innenminister und Vizeregierungschef.

Sellering ist inzwischen 64. Er lässt nicht ansatzweise erkennen, dass er Sehnsüchte hätte, aufzuhören. Auch privat wird es noch einmal aufregend für ihn: Seine Frau erwartet derzeit ein Kind. Und seine jungen Minister (siehe Text oben) sind für seine Nachfolge ohnehin – zu jung. "Ich setze mir keine Altersgrenze", sagte Sellering einmal der Ostsee-Zeitung . Er redet noch immer wie ein Urlauber, ein Westfale, der nach den Ferien einfach an der Küste geblieben ist. Aber das stört in Mecklenburg-Vorpommern keinen mehr. Als Landesvater geht Sellering nicht durch. Als Regierungschef aber wird er geschätzt. Und falls das mal nachlassen sollte, kennt er ja ein Thema, das ihm hilft. Zur DDR fällt ihm schon noch was ein.