Selten hat der einzelne Fall eines einzelnen Menschen eine solche Ausdeutungslust entfesselt. Politiker, Journalisten, sogar Wissenschaftler beugen sich über den Fall Hoeneß, als habe man hier nicht die Geschichte einer Steuerhinterziehung vor sich, sondern ein biblisches Gleichnis, dessen mehrfacher Schriftsinn auszuloten ist. Was bedeutet Hoeneß für die deutsche Gesellschaft? Hängen sein Aufstieg und Sturz eventuell mit der Vertreibung aus dem Paradies zusammen oder sogar mit einer besonderen Lasterhaftigkeit der Eliten? Kommt Hochmut vor dem Fall – oder wird aus dem Fall ungerechterweise auf einen Hochmut rückgeschlossen? Ist das Publikum, das sich in Umfragen noch vor dem Gerichtsurteil die Gefängnisstrafe gewünscht hat, unfähig geworden, Gnade vor Recht ergehen zu lassen?

Allein der Umstand, dass solche Umfragen angestellt wurden, zeigt den ungesunden Eifer. Im griechischen Altertum gab es das: Da konnten Bürger über Bürger abstimmen, die ihnen zu mächtig geworden waren, und sie außer Landes verweisen. Kann es sein, dass im Fall Hoeneß Mechanismen solcher Art wirken? Dass der einfache Mann aus dem Volke, als der er lange gesehen wurde, sich in dem Moment, da er öffentlich erkennbar mit Millionen um sich geschmissen hatte, plötzlich in den Repräsentanten einer verhassten Oberschicht verwandelte?

Tatsächlich tauchte schon vor Wochen in seinem Zusammenhang der Begriff des "Oberschichtsverbrechens" auf, und vielleicht lässt sich hier, wenn überhaupt, der Schlüssel zu dem Verallgemeinerungsexzess finden, der von dem Einzelfall übergangslos auf den moralischen Zustand der Gesamtgesellschaft kam. Dann hätte Hoeneß zu büßen, was sich an Wut über die ungreifbar gebliebenen Urheber der Weltfinanzkrise aufgestaut hat – "Wutverschiebungen" hat Heinrich Böll solche kollektiven Fehlanalysen genannt.

Es wäre freilich ein doppelt ungerechter Irrtum: eine Aufsteigerkarriere, wie sie so unvermittelt nur im Fußballmilieu oder Popgeschäft möglich ist und den entsprechenden Höhenschwindel einschließt, auf ein Milieu umzulegen, das so oder so, verantwortlich oder nicht, den Umgang mit Geld seit Generationen gewöhnt ist.

Der Begriff der Schicht setzt eine gewisse Stabilität der Akteure voraus; wenn er nur einen vorübergehenden Aggregatzustand des Reichtums meint, der den Rausch der Börsenzockerei möglich macht, verliert er seinen Sinn. Und erst recht ist es Unfug, im Zusammenhang mit dem Zocker Uli Hoeneß von Elite oder gar Eliteversagen zu reden, denn Elite meint stets etwas über die bloße funktionsbezogene Tüchtigkeit hinaus: einen besonderen Verhaltenskodex, Anstand und Ehre, Verantwortung, die den Eigennutz hintanstellt.

Diese Überlegungen mögen den Nachteil einer gewissen Trockenheit haben, aber sie zeigen recht deutlich, was alles nicht aus dem Fall Hoeneß hervorgeht: nämlich fast nichts über die bittere Geschichte eines Mannes hinaus, der im Hochgebirge den sicheren Tritt verloren hat.