Ich werde diesem großartigen Verein und seinen Menschen auf andere Weise verbunden bleiben, solange ich lebe." Dies verkündete Hoeneß auf der Homepage seines FC Bayern. Ein Satz, der wie ein Versprechen klingt, aber auch wie eine Drohung. Vergangenen Samstag, 18.30 Uhr, das erste Spiel in der Zeit nach Uli Hoeneß. Aus dem Kreis seiner Familie war am Nachmittag zu hören, dass der 61 Jahre alte Fußballmanager heute nicht dabei sein würde. "Dringende Familienangelegenheiten", wie es glaubhaft hieß. Stattdessen kommt sein Sohn Florian, 34 Jahre alt. Er leitet mittlerweile die Hoeneßsche Wurstfabrik in Nürnberg. Der Sohn ist der beste Mann des Vaters. Sein engster Vertrauter und auch sein strengster Kritiker. Vor rund einem Jahr, als sich Uli Hoeneß wegen seiner Steueraffäre der ZEIT offenbarte, war Florian Hoeneß dabei. Wenn der Vater während dieses Gesprächs Dinge schönreden wollte, ging er dazwischen: "Ich darf sagen, dass die Familie das ein wenig anders sieht." Jetzt ist er der einzige Hoeneß im Stadion, was er in den nächsten Minuten mitbekommt, hört sich an wie eine nicht enden wollende Liebeserklärung an seinen Vater.

"Uuuuuuuli!", singt der Chor von rechts. "Du bist der beste Mann!", hallt es von links. Dreieinhalb Jahre Gefängnis wegen mehr als 28 Millionen Euro hinterzogener Steuern – das ist sehr abstrakt und von der Allianz-Arena sehr weit weg. "Uuuuli!"

In seinem "Abschiedsbrief" zum Rücktritt von seinen Ämtern sprach der scheidende Präsident tags zuvor vom FC Bayern als "mein Lebenswerk". War es sein Lebenswerk? Oder wird es weiterhin sein Lebenswerk sein? Was das heißt? Ein Telefongespräch mit Hoeneß nach seiner Verurteilung bringt keine Klarheit, "ich kann noch nicht mehr sagen". Aus dem Kreis der Familie heißt es, nach dieser Zäsur "müssen wir uns alle auf ein gänzlich neues Leben einstellen!".

Vertraute des ehemaligen Bayern-Präsidenten sagen, natürlich habe es eine Prozesstaktik gegeben: Es sei darum gegangen, das Verfahren so schnell wie möglich hinter sich zu bringen. Keine Revision, stattdessen die mit Pathos vorgetragene Bereitschaft, die Strafe anzutreten. "Ich möchte Schaden von meinem Verein abwenden" – Hoeneß, der Märtyrer in eigener Sache, ein Mann, der gar nicht daran denkt, von seinem Lebenswerk abzulassen.

Über 35 Jahre lang führte der große Vorsitzende den Verein "wie ein Patriarch". Obwohl diese Beschreibung durchaus respektvoll gemeint war, regte er sich darüber maßlos auf. Wie er sich selber sah? Darüber war mit ihm nicht zu reden. Selbstreflexion gehört nicht zu seinem Repertoire, er entscheidet impulsiv, von Situation zu Situation, von Spiel zu Spiel. Manchmal, so hatte es den Anschein, war er selber über seine Reaktion überrascht.

Aber sein Bauchgefühl hob ihn heraus. Seine Menschenkenntnis und sein Fußballwissen sorgten für einen Heldenstatus, der ewig hätte dauern können. Der Bayern-Manager war zuletzt, nach der Verpflichtung des Übertrainers Pep Guardiola, so unantastbar, dass er sich nur selber stürzen konnte. Erst als er kippte, traute sich der Boulevard an ihn heran, "Verknackt ihn!", empfahl Bild auf der Titelseite, als hätte es die Jahre der Kumpanei und den Ewig-Kolumnisten Franz Beckenbauer nie gegeben. Das Groteske ist: Bild ließ Hoeneß in einem ganz besonderen Moment fallen. Viel spricht dafür, dass der Sünder bereits an diesem Tag damit begonnen hatte, erfolgreich an seinem Comeback zu arbeiten.

Was mag Hoeneß gedacht haben, als plötzlich Jörg Wacker, 46, als neues Vorstandsmitglied sein Büro im neuen, gläsernen Vereinsheim an der Säbener Straße bezog?

Der Vorstand des Vereins ist gerade umgezogen. Statt der Rattan-Möbel, mit denen sich Hoeneß gerne umgab, bestimmen riesige graue Konferenztische das Bild. "Welchen Zeitstrahl haben wir?", fragt Wacker, während er vergeblich versucht, das in seiner Jackentasche klingelnde Handy zu zähmen. Formulierungen wie diese scheint er gerne zu benutzen. Wahrscheinlich möchte er vom Pressesprecher wissen, wie lange das Gespräch dauern wird und welche anderen Termine noch anstehen an diesem Tag. In dem Moment ist es sicherlich eine Frage mit doppelter Bedeutung: Als wüsste jemand im Vereinsheim an der Säbener Straße, wie nach der Ära Uli Hoeneß der neue Zeitplan aussieht.