Viele Menschen, selbst Norddeutsche, schnattern in diesen Tagen kenntnislos über die bayerische Stadt Landsberg am Lech und verbreiten aufgeschnapptes Wissen aus billigen Reiseführern. Tatsächlich besteht die Stadt nicht nur aus einem gemütlichen Gefängnis, in dem Adolf Hitler seinerzeit Mein Kampf schrieb. Ebenso überflüssig ist es, ständig daran zu erinnern, dass die Einheimischen 1951 massenhaft für die sofortige Freilassung von NS-Kriegsverbrechern demonstrierten. 

Richtig ist vielmehr: Landsberg am Lech ist eine malerische Stadt in Oberbayern und liegt nur 55 Kilometer von der Münchner Allianz-Arena entfernt. Nach Erhebungen des Deutschen Wetterdienstes beträgt die Jahresdurchschnittstemperatur sagenhafte elf Grad. Zu Wohlstand gelangte Landsberg am Lech, nachdem die Stadt im Jahr 1320 per Urkunde das Recht erhalten hatte, eigenhändig Steuern zu erheben. Mit vorgehaltener Hellebarde sorgte die "Polizey" dafür, dass jedermann den sogenannten Landsberger Salzpfennig entrichten musste. Ob Habenichts oder Duodezfürst, ob Fugger oder Pfaffe – vor dem Landsberger Steuerrecht waren alle Menschen gleich. Die Fluchtwege in die Schweiz wurden Tag und Nacht überwacht und waren faktisch unpassierbar. Auch die Spekulation mit Salzsäcken war streng verboten und erfolgte, wenn überhaupt, nur unter Aufsicht der Stadtväter in die eigene Kasse. So wurde altes Salz zu Landsbergs neuem Gold.

Schon bald sprudelten an der Lech die Einnahmequellen derart munter, dass die Stadt ihr berühmtes Gefängnis bauen und ertappte Steuersünder darin unterbringen konnte. Die Strafen waren allerdings gesalzen. Ein Steuersünder wurde so lange bei Wasser und Brot eingesperrt, bis er entweder tot oder seine Schuld beglichen war. Alle Gefangenen wurden gleich schlecht behandelt; der Freigang war selbstverständlich unbekannt, genauso die Möglichkeit, sich das Essen aus einem Münchner Edelrestaurant anliefern zu lassen. Pflicht war es hingegen, 40 Strafpfennige aus der Steuerschuld an zwei unbescholtene Jungfrauen als Heiratsgeld zu übergeben.

Touristen beachten bitte: Die Salz-Stadl aus dem Mittelalter werden inzwischen von der Freiwilligen Feuerwehr genutzt, und auch die Stadtbibliothek hat darin ihren Sitz. Gut bewährt hat sich die Kooperation mit der örtlichen Gefängnisbücherei, obwohl nicht alle Titel von den Insassen entliehen werden dürfen. Beliebte Ratgeber wie Ich bin dann mal weg – Metallarbeiten für Anfänger oder auch Abenteuer Erde. Wie grabe ich einen Tunnel bedürfen der persönlichen Genehmigung durch den Direktor der JVA

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