Das Universum der Politik und das der Wirtschaft sind zuweilen Parallelwelten. Gerade jetzt. Ganz so, als existiere das geopolitische Ringen um die Zukunft der Ukraine nicht, rücken Russland und Deutschland ökonomisch enger zusammen: Bisher deutsche Unternehmen werden russisch. Ausgerechnet solche, die mit Energie zu tun haben, mit jenem Stoff, von dem Russland sehr viel hat und Deutschland fast nichts.

Wird die Abhängigkeit von russischer Energie nun noch größer? So groß, dass die Sache gefährlich zu werden droht?

Um die Antwort vorwegzunehmen: Gemeinsam mit ihren europäischen Partnern hätte es die deutsche Regierung in der Hand, die Versorgung sicherer zu machen – auch für den Fall, dass Gazprom und andere russische Unternehmen verstärkt in Deutschland aktiv werden. Sie müsste beim Erdgas nur dafür sorgen, wofür beim Erdöl schon längst gesorgt ist: für die Schaffung einer strategischen Reserve.

Es sind vor allem zwei Vorgänge, die Anlass für die Angst vor Russland bieten. Ein schillernder russischer Milliardär, Michail Fridman, hat sich gerade mit RWE darauf geeinigt, ein Tochterunternehmen des angeschlagenen Essener Energieriesen für rund 5,1 Milliarden Euro zu kaufen: die Dea, die Nummer zwei bei der Erdöl- und die Nummer drei bei der Erdgasförderung in Deutschland (siehe Tabelle). Obendrein ruft ein Tauschgeschäft Bedenken hervor, das der Ludwigshafener Chemiekonzern BASF mit Gazprom vereinbart hat. Es verschafft dem russischen Gasriesen unter anderem ein Fünftel am deutschen Erdgashandel und das alleinige Eigentum an Deutschlands größtem Vorratslager für den flüchtigen Stoff im niedersächsischen Rehden. Die europäische Kartellbehörde, die Gazprom verdächtigt, den Wettbewerb auf den Gasmärkten Zentral- und Osteuropas zu behindern, hat das Geschäft mit BASF bereits abgesegnet. Ungehindert festigt Russland also seine Vormachtstellung auf dem deutschen Energiemarkt.

Die ganze Tragweite der Vorgänge erschließt sich nur vor dem Hintergrund der bereits bestehenden Dominanz, die Russland bei der Versorgung Deutschlands mit Energie spielt. Erdöl ist hierzulande die wichtigste Energie, Erdgas die zweitwichtigste. Von beiden Energien hat Deutschland selbst nur wenig, zu allem Übel sinkt die Förderung seit Jahren. Beim Öl steuern heimische Quellen gerade einmal drei Prozent zur Bedarfsdeckung bei, beim Gas sind es knapp zwölf Prozent. Auf der Rangliste der Lieferanten steht Russland an der Spitze, mit einem Anteil von mehr als einem Drittel an den Erdöl- wie Erdgasimporten. In der Tat: Deutschland ist von Russland abhängig.

Angst ist allerdings unbegründet, zumindest die Ölversorgung wird nun keinen Deut unsicherer – obwohl der Oligarch Fridman und seine LetterOne-Gruppe (die Firma, mit der sich RWE auf den Dea-Verkauf geeinigt hat) Miteigentümer von Deutschlands ergiebigstem Ölfeld werden. Selbst Mittelplate, so heißt die künstliche Bohr- und Förderinsel im schleswig-holsteinischen Wattenmeer, steuert nur so wenig zur Versorgung Deutschlands bei, dass sogar ein vollständiger Förderausfall die Versorgung nicht ernsthaft gefährden könnte.

Dies kann auch deshalb nicht geschehen, weil seit 1966 in Deutschland die Bevorratung von Mineralöl gesetzlich vorgeschrieben ist. Die Bewirtschaftung dieser strategischen Ölvorräte unterliegt nicht dem betriebswirtschaftlichen Kalkül einzelner Marktteilnehmer, sondern dient ausschließlich der Vorsorge für Versorgungsstörungen. Rund 24 Millionen Tonnen lagern in Tanks und unterirdischen Kavernen; das reicht, um die Versorgung mindestens 90 Tage lang zu sichern, selbst dann, wenn einmal sämtliche Importe ausbleiben sollten. Verwaltet werden die strategischen Ölvorräte von einer öffentlich-rechtlichen Körperschaft, freigegeben werden dürfen sie nur durch Verordnung des Bundeswirtschaftsministers. Die staatlich organisierte Vorsorge kostet die Verbraucher weniger als einen halben Cent pro Liter Benzin oder Diesel – und dafür bekommen sie ein Stück Sicherheit.

Das ist beim Erdgas anders. Zwar werden auch bei Erdgas größere Mengen gespeichert, zum Beispiel in unterirdischen Hohlräumen oder ausgedienten Gasfeldern. Deutschland verfügt sogar über das größte Speichervolumen Europas. Doch die Speicher dienen nicht der Krisenvorsorge, sondern ausschließlich dem Geschäft der Gashändler. Die nutzen die Lagermöglichkeit, um beispielsweise bei überraschenden Wetterwechseln ihren Lieferverpflichtungen nachkommen zu können oder um billig eingekauftes Gas später teurer verkaufen zu können.

Nach der gleichen Devise wird auch Gazprom agieren, wenn der russische Konzern über Deutschlands größten Erdgasspeicher in Rehden südlich von Bremen verfügt. Die Versorgungssicherheit kann sich dadurch deshalb nicht verschlechtern, weil der Speicher schon bisher ausschließlich kommerziellen Zwecken dient und nicht der Vorsorge für Notfälle.

Nach geltendem Recht hat der Staat zwar im Krisenfall die Möglichkeit, die gespeicherten Erdgasmengen zu bewirtschaften. Ist aber in den Speichern wenig drin, wenn der Nachschub tatsächlich einmal ausbleibt, dann gibt es auch nur wenig, was zu bewirtschaften wäre. Wer die Versorgungssicherheit also nicht dem Auf und Ab des Marktgeschehens überlassen will, der muss für den Aufbau einer strategischen Gasreserve sorgen.

Die bisherigen Bundesregierungen haben das stets abgelehnt, die schwarz-gelbe Regierung tat das vor zwei Jahren mit dem bemerkenswerten Hinweis, es gebe eben keine "hundertprozentige Sicherheit". Wohl wahr. Daraus folgt allerdings nicht, dass sich die Sicherheit nicht mit überschaubarem Aufwand verbessern ließe. Nicht der Umstand, dass Russen in Deutschland investieren, macht die Energieversorgung also unsicherer, sondern die Tatsache, dass Deutschland so viel Energie aus Russland importiert. Dank der Bevorratung hält sich die Gefahr bei der Ölversorgung in Grenzen. Warum sollen die Gasverbraucher mehr zittern?

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