In der turbulenten, recht besehen sogar ärgerlichen Talkshow von Günther Jauch, die allerlei sogenannte Experten zum Steuerfall Hoeneß durcheinanderquatschen ließ, gab es einen rührenden Moment. Das war, als Edmund Stoiber sich über seinen Fußballfreund äußern sollte und das tatsächlich wieder in seiner berühmt verstolperten Art tat, genauso verdreht und quer, wie es die klassisch gewordenen Sammlungen seiner Aussprüche auf YouTube dokumentieren. Stoiber, in seiner persönlichen Bestform sozusagen, zitierte einen Dichter namens Carl Ferdinand Meyer mit dem Vers: "Ich bin kein ausgeklügeltes Buch, ich bin ein Mensch mit seinen Widersprüchen." Mit ähnlich treuherziger Emphase ist selten ein Reim verfehlt worden.

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Nun hat es natürlich etwas Oberlehrerhaftes, auf den Originalvers von Conrad Ferdinand Meyer hinzuweisen, der kurz und bündig lautet: "Ich bin kein ausgeklügelt Buch / Ich bin ein Mensch mit seinem Widerspruch." Es spricht auch vieles dafür, dass Edmund Stoiber den Vers gar nicht nach dem Original zitierte, sondern nach seinem politischen Vorbild Franz Josef Strauß, der sich seinerseits Conrad Ferdinand Meyers Ausspruch schon in leicht verrutschter Form zu eigen gemacht hatte. Aber wo kam der Vorname Carl her? Oder hat Stoiber, als er ihn sprach, sich sogar die Schreibung Karl gedacht? Nun, Carl oder Karl (anstelle von Conrad) ist genau der Marker, der die Verballhornung anzeigt. Streng genommen kann man Stoiber gar kein Falschzitat vorwerfen – er hat eben nicht Conrad Ferdinand, sondern Carl Ferdinand zitieren wollen, und vielleicht nicht einmal Meyer, sondern Maier, wenn nicht gar urbayerisch Mair.

Man sollte nicht immer über Stoiber lachen, man sollte auch einmal von ihm lernen. Alle die Leute, die Friedrich Schiller notorisch falsch zitieren mit dem Ausspruch "Gegen Dummheit kämpfen Götter selbst vergebens" (statt "Mit der Dummheit ..."), wären fein raus, wenn sie sich dabei auf einen ganz anderen Dichter namens Carl oder Karl Schiller beziehen würden. Übrigens überleben die wenigsten Sprichwörter und Sentenzen unbeschädigt, und dankbar sollte man den Politikern sein, die zur kreativen Karambolage fähig sind – wie Ludwig Erhard ("Es ist erfreulich, dass die politischen Extremitäten in Deutschland keinen Fuß fassen konnten") oder Ingrid Matthäus-Maier ("Wenn einem das Wasser bis zum Halse steht, darf man den Kopf nicht hängen lassen").