Dennoch werden die bizarren Werwolf-Pläne in Pommern ernsthaft angegangen. Das ist kein Zufall: An der Werwolf-Spitze steht hier Schwedes Stellvertreter Paul Simon. Während der Gauleiter sich vorrangig ums Eigenwohl kümmert und insofern berechenbar ist, gilt der Saarländer Simon, SS-Obergruppenführer, als gefährlicher, fanatischer Scharfmacher. Dritter im Bunde ist Schwedes Duzfreund Emil Mazuw, wie Schwede einst kaiserlicher Mariner. Er ist der Höhere SS- und Polizeiführer Ostsee, ein bulliger Massenmörder und als Chef der Feldgendarmerie für das Jagen und Hinrichten von Deserteuren und "Defätisten" zuständig. Wobei Gauleiter Schwede dann gleich seinen sadistischen Neigungen freien Lauf lassen kann: Er besteht darauf, dass Todesurteile besonders qual- und schmachvoll durch Erhängen vollstreckt werden.

Diesem Triumvirat, mit HJ-Chef Gerd Wegner diensteifrig "bei Fuß", ist das Stettiner HJ-Bataillon nun ausgeliefert: Als Volkssturmsoldaten unterstehen die Jungen nicht der Wehrmacht, sondern der NSDAP – sie sind also eine Parteiarmee. Selbst da, wo sie formal der Wehrmacht unterstellt werden, hat die Gauleitung Zugriff auf sie. "Freischar" nennt Schwede sie und rüstet sie aus seinem privaten Waffenarsenal aus. "Mein Gott, das sind ja noch Kinder!", ruft ein Regimentskommandeur aus, als er sie sieht.

Diese Kinder unter der Parteifuchtel zu halten hat für Himmler in Zeiten zusammenbrechender Fronten Priorität. Noch Anfang März 1945 verlangt er in einem geheimen Fernschreiben vom Chef der 9. Armee, "daß die Hitlerjungen geschlossen eingesetzt werden. Ich möchte nicht, daß durch Mischung mit alten Landsern und Volkssturmmännern die Erziehung und der Geist der Hitlerjugend durch Landsergeist und Landserschliche gewandelt wird."

Als die Rote Armee losstürmt, setzen sich Gauleiter und Gefolge ab

Die Rote Armee stürmt vor. Am 20. März nehmen sowjetische Einheiten einen deutschen Brückenkopf an der Ost-Oder, der Stettin bis dahin geschützt hat. Bereits hier ist die 4. Kompanie des Bataillons Murswiek mit rund 150 Hitlerjungen im Einsatz.

Einen Tag später verlässt eine Kolonne glänzender, vollgepackter Autos die sterbende Stadt: Gauleiter und Gefolge setzen sich ab – natürlich nicht ohne weiter Meldungen nach Berlin und über den Großdeutschen Rundfunk zu schicken, Reichsverteidigungskommissar Schwede werde Stettin "bis zum letzten Blutstropfen" selbst verteidigen. Zunächst geht es in das Dorf Strausberg am Stadtrand, dann in das weiter westlich gelegene Schloss Schwerinsburg bei Anklam. Während drei Kompanien der Hitlerjungen schon vorausgeschickt werden, den Fluchtweg zu sichern, bleibt die 4. Kompanie in Stettin zurück.

Vier Wochen später, am 22. und 23. April, gibt es die letzten Kämpfe um die Stadt. Wehrmacht und SS räumen das Feld, geblieben sind Volkssturmmänner und die Jungen der 4. Kompanie. "Deutlich erinnere ich mich an einen der Gegenangriffe", schrieb später ein sowjetischer General, "bei dem der Gegner mehrere Tausend Mann einsetzte, schlecht ausgebildete, ganz junge oder alte Leute, Opfer des faschistischen totalen Krieges, die größtenteils zum ersten Mal im Gefecht standen."

Was geschah genau in jenen Apriltagen vor Stettin? Niemand weiß es. Einige wenige Jungen können sich zur "Gauleitung" auf Schloss Schwerinsburg durchschlagen. Hier schießen sie tatsächlich noch auf vorrückende sowjetische Panzerspitzen, während Schwede und sein Gefolge erneut aufbrechen und weiterfliehen. Das Schloss brennt komplett nieder.

Das große Vergessen bei Kompanieführer und HJ-Chef

In Schwerinsburg verliert sich endgültig die Spur der 4. Kompanie. Kompanieführer Leutnant Werner Stüwe überlebte das Kriegsende, verweigerte aber bis zuletzt standhaft jede Auskunft. Und auch HJ-Chef Wegner, der die Kompanie 1945 selbst noch inspiziert hatte, konnte sich 1998 im Gespräch mit Werner Nemitz partout nicht daran erinnern, wo sie überhaupt eingesetzt worden war.

Erst 2007 fand Nemitz einen vagen Hinweis auf das Schicksal der Jungen: Die Überreste des Wehrmachtgefreiten, der den Trupp angeführt hatte, waren am Ortsrand des früheren Hohenzahden bei Stettin ausgegraben und in deutsch-polnischer Zusammenarbeit identifiziert worden. Von den mehr als hundert Jungen allerdings keine Spur. Bis heute.

Nachdem Schwede und die Seinen Schwerinsburg aufgegeben haben, fahren sie weiter in Richtung Greifswald. Doch hier sind die Russen schneller als gedacht; am 30. April wird die Stadt von der Wehrmacht kampflos übergeben – vielleicht auch deshalb, weil die Kindersoldaten einer anderen Einheit, die in Greifswald "Widerstand vortäuschen" sollten, schon tot sind: Am Morgen ihres vorgesehenen Einsatztages zerriss beim Training eine Handgranate 22 Jungen. Ein Unfall, der, so grauenhaft er war, Greifswald einiges erspart haben könnte. Denn: "Wir hätten geschossen!", war sich ein Überlebender später sicher.

Verwundete und Kranke sollen erschossen werden

Kurz zuvor hat noch die vorausgesandte 3. Kompanie des Bataillons Murswiek Greifswald passiert. Es ist die Kompanie von Werner Nemitz; zu ihr gehören auch vier Mädchen. Auf einer Befehlsausgabe wird Klartext geredet. Ein Oberstleutnant der Wehrmacht, so schrieb Karl-Walther Rossdeutscher, der Kompaniechef, seine Erinnerungen später nieder, "gab die Anweisungen und drückte sich so brutal aus, wie ich es bis dahin nicht einmal von der Waffen-SS gehört hatte".

Wir kannten nur noch ein Ziel: unsere Mädchen und Jungen unversehrt heimzubringen.
Karl-Walther Rossdeutscher, Kompaniechef

Die Kompanie sollte sich "von der Front überrollen lassen" und "hinter den gegnerischen Linien den Werwolf gründen". Sie bekam den Auftrag, "Sabotageakte durchzuführen" und sich aus den Beständen der "vernichteten gegnerischen Nachschubeinheiten zu versorgen". Aus Tarnungsgründen sollten keine Gefangenen gemacht werden. Auch eigene Verwundete und Kranke, so lautete die Anweisung, seien von den Kompaniechefs "eigenhändig zu erschießen". Spätestens von jetzt an, versicherte Rossdeutscher, "kannten wir nur noch ein Ziel: unsere Mädchen und Jungen unversehrt heimzubringen".

Was Rossdeutscher dann auch tat: Auf Schleichwegen führte er die Kinder nach Westen und rettete ihnen mit diesem Akt der Zivilcourage das Leben.

Ihre Kameraden aus den beiden letzten Kompanien des Bataillons Murswiek haben kein solches Glück. Sie liegen inzwischen in Stralsund, als Vorhut der Gauleitung. Gleich nachdem Schwede und sein Tross am 30. April eintreffen, schickt er seine "Freischar" wieder an die Front, eine Front, die schon in Auflösung begriffen ist. "Als Mazuw, Schwede-Coburg und Wegner erfuhren, dass Heer, Luftwaffe und Kriegsmarine die ›Festung‹ Stralsund nicht mehr verteidigen wollten", so erfährt Nemitz bei seinen Nachforschungen, "schickten sie in der Nacht vom 30. April zum 1. Mai die beiden HJ-Kompanien vor die Tore der Stadt zu ›hinhaltendem Widerstand‹."

Gauleiter Schwede rettet sich – dann lässt er die Brücke sprengen

Währenddessen versuchen die verbliebenen Einwohner, aus Stralsund herauszukommen; sie wollen auf die vorgelagerte Insel Rügen. Tausende hetzen durch die Straßen, auf die Rügendammbrücke zu.

Doch wer in Richtung Rügendamm läuft, läuft in die Falle. Die Gauleitung hat ihn gleich für die Flüchtlinge sperren lassen. Schwede selbst hat Vorfahrt. Sein mit Beutegut vollgepackter Autokonvoi setzt auf die Insel über. Dann lässt Schwede die Brücke sprengen.