DIE ZEIT: Herr Nazar, haben Sie die neuesten Bilder von der Krim gesehen? Dort stehen russische Priester jetzt an der Seite der russischen Truppen. Mit Kreuzen und im schwarzen Habit begleiten sie den Aufmarsch.

David Nazar: Das überrascht mich nicht. Eine große Zahl von Priestern der russisch-orthodoxen Kirche in der Ukraine bekleiden hohe politische Posten. Sie streben schon lange nach Macht. Der mächtigste Politiker von Odessa etwa ist Bischof. Ein anderes Mitglied der Regierungspartei ist Oberpriester des berühmten Kiewer Höhlenklosters und gilt als höchst korrupt. Auf der Krim gibt es außerdem viele Kirchenführer, die Russen sind, nicht Ukrainer – und einige von ihnen sehen es jetzt als ihre Pflicht, "ihre" Leute zu unterstützen.

ZEIT: Wie lautet denn die Rechtfertigung?

Nazar: Der russische Imperialismus hatte schon immer religiöse Züge. Dostojewski schrieb im späten 19. Jahrhundert, nur die russische Seele habe die Kraft, die ganze Welt zu einen. Das sei Russlands Berufung und Schicksal: einen spirituellen Weg zu eröffnen für den Rest der Welt.

ZEIT: Stalins Weg war die säkulare Welterlösung.

Nazar: Ja, aber die Idee des Weltkommunismus ist gar nicht so weit entfernt von einer, ich möchte einmal sagen: spirituellen politischen Theologie, wie sie unter Putin wieder auflebt. Die große Mission der Russen heißt demnach, kraft ihrer großen Seele die Menschheit zu umarmen. Der Moskauer Patriarch Kyrill predigt in genau dieser Denktradition, wenn er sagt: "Nur Russland vertritt noch die wahren christlichen Werte. Alle westlichen Nationen führen die Welt in den Abgrund."

ZEIT: Wie reagiert die Bevölkerung auf den religiösen Imperialismus des Moskauer Patriarchen?

Nazar: Zunächst einmal versucht der Patriarch selbst, seinen Machtanspruch zu verschleiern. Er wiederholt gern die Aufforderung, die Regierung solle sich nicht die Kirchenfragen einmischen und die Kirche solle sich aus der Politik heraushalten. Tatsächlich marschieren seine Priester nun mit dem Militär auf. Die Mehrheit der Bevölkerung auf der Krim ist darüber empört.

ZEIT: Wie erleben Sie persönlich den Konflikt?

Nazar: Wir Jesuiten waren an nächtlichen Patrouillen beteiligt, die von der Bürgerbewegung organisiert wurden, um während der Demonstrationen eine gewisse Sicherheit zu gewährleisten. Die militärische Krise jetzt ist etwas anderes. Ich selbst war nicht auf der Krim. Aber ich habe viele Freunde in der russisch-orthodoxen Kirche der Ukraine, die Putins Invasion ablehnen. Den Machtanspruch der russischen Orthodoxie erlebe ich im Alltag, wenn deren Priester sich weigern, an ökumenischen Gottesdiensten teilzunehmen. Viele von ihnen sagen, die Ökumene sei des Teufels.

ZEIT: In den letzten Monaten haben Sie Kirche ganz anders erlebt: als Motor eines politischen Aufbruchs. Auf dem Maidan in Kiew haben Priester demonstriert, und als die protestierenden Studenten in Bedrängnis gerieten, öffneten die Kirchen ihre Türen. Wie passt das zusammen?

Nazar: Alle Religionsgemeinschaften haben den Maidan unterstützt – bis auf die Moskauer Orthodoxie. Wir haben in der Ukraine zwei große Patriarchate: ein Putin-treues "Moskauer" Patriarchat, ein Putin-kritisches "Kiewer" Patriarchat. Fünfzig Prozent der Ukrainer gehören diesen beiden orthodoxen Kirchen an. Dazu kommen die griechisch-orthodoxe Kirche mit einem Anteil von zwölf Prozent an der Bevölkerung und die katholische Kirche mit nur einem Prozent. Dann kommen Protestanten, Juden und Muslime.

ZEIT: Auch sie waren auf dem Maidan. Was verbindet die Glaubensgemeinschaften?

Nazar: Sie alle wollen den Missbrauch politischer Macht in der Ukraine beenden. Sie fordern ein freies, friedliches Land. In den letzten Jahren war es so: Egal, welche Partei regierte, es blühten Vetternwirtschaft, Korruption und eine Unrechtspolitik, die Verbrecher begünstigte. Wenn Sie in der Ukraine für eine Partei stimmen, dann entscheidet der Parteichef, an wen er die Sitze im Parlament vergibt. Ein Parlamentssitz aber garantiert Immunität gegenüber Strafverfolgung und wird oft mit Geld erkauft. Deswegen haben die Menschen auf dem Maidan demonstriert: für einen Wertewandel, gegen das Böse des Systems.