Wenn die Architektur nichts mehr zu sagen hat, wenn sie nur noch Betonblabla ist, egal, ob säulenbewehrt oder bauhauskühl, dann ist sie keine Architektur mehr, sondern nur noch Design. Schon der große Architekturtheoretiker Julius Posener (1904 bis 1996) empfand es so: dass den gebauten Formen ihre Sprache abhandenkomme und damit auch der Sinn. Jeder baut, wie es ihm gefällt, und wenn sich in Braunschweig ein Einkaufszentrum mit einer Schlossfassade tarnt, scheint das niemanden mehr zu stören. Posener war so viel Beliebigkeit zuwider, er suchte Halt, auch Verbindlichkeit, und hoffte, sie in der Geschichte zu finden. Ende der siebziger Jahre hielt er in Berlin eine großartige Vorlesungsreihe, erzählte noch einmal davon, wie im 18. Jahrhundert alles begann und wie wichtig es für das Bauen der Moderne selbst im 20. Jahrhundert noch war, die Vergangenheit nicht aus dem Blick zu verlieren. Als Buch waren diese wunderbar anschaulich formulierten Über- und Einsichten zu dem, was die Architektur ausmacht, lange vergriffen. Erst jetzt sind sie, den Herausgebern der Zeitschrift Arch+ sei Dank, wieder zu haben – nicht als ehrwürdig gebundener Klassiker, sondern als lebendiges Studienheft. Denn es ging Posener nie darum, neue endgültige Regeln für ein besseres Bauen zu formulieren. "Unmittelbar kann der Architekt gar nichts aus der Geschichte lernen", das stand für ihn fest. Mittelbar aber schon, das zeigen seine Vorlesungen: Sie berichten von den Idealen und Hoffnungen, auch den Utopien der Moderne und wie sie die Architektur zum Sprechen brachten. Und sie plädieren an die Baumeister von heute: endlich wieder Idealismus zu wagen!