Natürlich wusste sie, dass sich das nicht gehörte. Draußen zu sein, Blumen und Tiere zu beobachten – gute Mädchen machten so etwas nicht. Gute Mädchen saßen drinnen und spielten miteinander. Kayo Inaba aber strich lieber über Wiesen und Felder, drinnen zu sein, fand sie langweilig. Meist war sie allein unterwegs, manchmal leisteten Jungs ihr Gesellschaft. Zusammen bestaunten sie dann, wie aus Laich Frösche und aus Raupen Schmetterlinge wurden. Dass sie noch oft allein unter Männern sein sollte, ahnte die kleine Kayo damals noch nicht.

Kayo Inaba wuchs im ländlichen Japan auf. Heute ist sie Vizepräsidentin für Gleichstellung an der Kyoto University, einer der zwei renommiertesten Universitäten des Landes. Aus der Schmetterlingsbeobachterin ist eine hervorragende Immunologin geworden, die gerade den internationalen Unesco-L’Oréal-Preis "For Women In Science" bekommen hat. Damit sollen Frauen in der Wissenschaft gefördert und das Niveau der Forschung weiter vorangebracht werden. Freuen kann sich Kayo Inaba darüber wie ein Kind. "Ich habe noch nie einen Preis bekommen!", sagt sie am Telefon.

Wie kann das sein? Schließlich hat Inaba durch jahrelange Forschung neue Therapien in der Krebsforschung möglich gemacht. Der Wissenschaftlerin ist es gelungen, sogenannte dendritische Zellen außerhalb des menschlichen Körpers zu verändern und dann wieder in den Körper zurückzuführen. Dendritische Zellen bilden eine Art Wächterposten gegen Eindringlinge wie Viren oder Bakterien. Werden sie verändert, so können sie gezielt etwa zur Abwehr bestimmter Tumore eingesetzt werden. Inaba setzte den Grundstein dafür.

Und so jemand bekommt mit 63 Jahren zum ersten Mal im Leben eine Auszeichnung?

Wer Japan kennt, den wird das nicht verwundern – und er wird ahnen, wie schwierig der Weg nach oben für Kayo Inaba gewesen sein muss. Der Frauenanteil unter den japanischen Wissenschaftlern beträgt gerade einmal 14,6 Prozent insgesamt. Nicht nur OECD-weit, sondern auch im Vergleich mit anderen asiatischen Ländern schneidet Japan damit denkbar schlecht ab. Inaba selbst sagt, ihre Erfolge seien harte Arbeit gewesen. "Und dann hatte ich auch einfach Glück."

Das Glück läuft Kayo Inaba über den Weg, als sie gerade ihren Doktortitel in der Tasche hat. All die männlichen Kommilitonen bekommen damals Jobs als Biologie-Lehrer in einer der vielen neu eröffneten Medizinischen Hochschulen. Nicht so Inaba – sie ist eine Frau. Dabei hat sie immer hart gearbeitet, von früh bis spät für ihre Doktorarbeit im Labor gestanden. Wenn sie die Aufgaben übernimmt, die kein anderer machen will, so denkt sie damals, wenn sie nur fleißig genug ist, dann wird sie wohl eine Chance haben in der japanischen Männerwelt.

Dass für die Medizinischen Hochschulen Frauen nicht infrage kommen, ist für sie ein Rückschlag. Doch dann wird an ihrer Hochschule ein Kollege befördert und seine Stelle als Assistant Professor wird frei. Solche Wechsel passieren selten. Also nutzt Inaba ihre Chance, bewirbt sich – und bekommt den Job. "Der Professor kannte mich, er wusste, wie hart ich arbeite", sagt sie. Damals ist es eine kleine Sensation für sie: Dass sie einmal als Frau an der Universität würde arbeiten können, hätte sie sich als junge Studentin kaum träumen lassen.

Die meisten gleichaltrigen Frauen befolgen derweil, was ihnen als Mädchen beigebracht wurde: Sie ziehen sich ins Häusliche zurück. Von den Kommilitoninnen, mit denen Kayo Inaba einmal am Women’s College ihr Studium begonnen hat, sind fast alle Hausfrauen geworden. Inaba jedoch steht im Labor und beobachtet, wie damals auf den Wiesen. Wenn sie für Forschungsprojekte längere Zeit verreist, zieht ihre Mutter bei Inabas Ehemann ein – damit er nicht so allein ist und sich jemand um ihn kümmert. Kinder hat das Paar keine. "Ich war so beschäftigt, ich hatte gar keine Zeit dafür", sagt Inaba heute.

Die Männer- und Frauenrollen sind klar verteilt im Japan des vergangenen Jahrhunderts. Das spürt auch Kayo Inaba. Die einzige Frau im Labor zu sein, das macht ihr nichts aus. "Aber dann ging ich in die Sitzungen, und ich war allein unter Männern. Das war schon merkwürdig." Als erste Frau wird sie Mitglied in der Japanischen Gesellschaft der Immunologen. Damals tritt sie eher zurückhaltend auf, zu Wort meldet sie sich in Besprechungen nur selten – bis sie ein Schlüsselerlebnis hat: Drei Sekretärinnen ihrer Universität werden von einem Professor vergewaltigt. In diesem Moment sei ihr klar geworden, wie wenig Achtung man den Frauen in Japan entgegenbringt, sagt Inaba. "Da musste ich den Mund aufmachen." Sie beginnt, mit anderen Wissenschaftlerinnen zu reden, sich auszutauschen über Erfahrungen in dieser Männerwelt. Und langsam keimt die Erkenntnis: Es muss nicht so bleiben, wie es ist!