Kirche und Nation sind im Christentum des Ostens eine Einheit. Die Kirche, sagt der orthodoxe Theologe und Protopresbyter Theodor Zisis aus Thessaloniki, stelle mehr als jede andere Institution "das Selbstbewusstsein, das Rückgrat der Nation" dar. Diese Verbindung hat den östlichen Zweig des Christentums geprägt wie kaum ein anderer Gedanke. Jetzt steht sie den drei orthodoxen Kirchen im Weg, die in der Ukraine um den Anspruch einer Nationalkirche konkurrieren – und um das dazugehörige Immobilienvermögen. Denn die Orthodoxie der Ukraine hat sich dreifach gespalten, seit sich das Land aus der 1991 zerfallenden Sowjetunion löste. Und damit kann ihre Theologie nicht umgehen.

Als Wladimir Putin am vergangenen Dienstag unter dem Applaus der russischen Staatsduma die Annektierung der Krim verkündete, machte er auch religiöse Gründe geltend. Er nannte historische Daten und Plätze auf der Halbinsel und sagte: "Jeder dieser Orte ist uns Russen heilig." Mit demselben Argument versprach er, die Ukraine nicht zu spalten. Denn die Hauptstadt Kiew sei "die Mutter aller russischen Städte". Damit spielte er auf die Taufe des Großfürsten Wladimir und der Kiewer Rus im Jahr 988 an. Mit ihr begann die gemeinsame Geschichte der russisch-orthodoxen Kirche und der russischen Nation. Vereint suchten sie in früheren Jahrhunderten Anschluss an den Westen. Seit dem Ende der Sowjetunion verfolgen beide Hand in Hand Großmachtinteressen.

Der heutige Moskauer Patriarch Kyrill hat weitreichende Pläne. Er möchte der Gegenkirchenführer zum westlichen Christentum werden. Es ist ihm zu liberal und zu verweichlicht. Er kämpft gegen Ehescheidung, Homosexualität und schwindenden kirchlichen Einfluss. Deshalb sucht er die Nähe zur Macht. Der Konflikt in der Ukraine kommt ihm dabei entgegen. Kyrill hat den ukrainischen Metropoliten Filaret von Kiew exkommuniziert, weil der sich mit 3000 Geistlichen in knapp 4000 Gemeinden von Moskau abgewandt hatte. Moskau bleibt aber die bestimmende Größe in der Ukraine mit immer noch 10 000 Geistlichen in 12 000 Gemeinden. Die dritte Kraft, die Autokephale Kirche, zählt nur 1200 Gemeinden und 700 Geistliche. Sie ist aber von den anderen orthodoxen Kirchen anerkannt. Mitglieder zählen die Nationalkirchen nicht. Sie gehen davon aus, dass jeder Ukrainer orthodox ist.

Auch innerhalb der gesamten Orthodoxie tobt ein Machtkampf. Ihr Ehrenprimas, Patriarch Bartholomaios von Konstantinopel, ist 74 Jahre alt und sitzt mit einer kleinen Gemeinde in einem Stadtteil Istanbuls. Der türkische Staat schränkt seinen Bewegungsradius ein. Kyrill, der schon zu Sowjetzeiten das Außenamt der russischen Kirche leitete, tritt pompös auf und lässt Führungsansprüche unter allen Orthodoxen erkennen. Er hätte nichts dagegen, Bartholomaios zu beerben.

Dazu werden nächstes Jahr Weichen gestellt. Dann wollen sich die orthodoxen Kirchen zu einem Gesamtkonzil treffen, dem ersten seit dem Jahr 787. Mit der Exkommunikation seines ukrainischen Rivalen stellt Kyrill seine Kirchenführerkollegen vor eine Entscheidung. Je klarer ihm die anderen Patriarchen folgen, umso klarer wird er sich als Sprecher der Weltorthodoxie profilieren. Deshalb auch hält er sich im Blick auf die Krim vornehm zurück. Er ruft zur Versöhnung in der Ukraine auf und überlässt Putin das Geschäft der Segregation, das ihm selber in die Hände spielt.