Papst Johannes Paul II. und Stephen Hawking h atten ein st eine seltsame Unterredung. Der Papst soll den Astrophysiker gebeten haben, den Urknall nicht näher zu erforschen. Denn der sei der Augenblick der Schöpfung und damit ein Werk Gottes. Sofern diese Geschichte – so wie Hawking sie aufschrieb – stimmt, kann man für Johannes Paul II. froh sein, dass er das Jahr 2014 nicht mehr erleben musste: Mit einem Teleskop am Südpol haben amerikanische Astrophysiker tatsächlich Signale von der Geburt des Universums aufgespürt. Und zwar von den ersten Sekundenbruchteilen nach dem Urknall, genauer: 0,000 000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.01 Sekunden nach dem Zeitpunkt null. Sollten sie recht behalten, bewahrheitet sich nicht nur die kurioseste Ursprungsgeschichte der Physik. Auch das Projekt Weltformel erhält neuen Schub.

Dementsprechend aus dem Häuschen sind die Astrophysiker. "Wir sehen zum ersten Mal den Urknall selbst", begeistert sich der Gravitationsphysiker Bernard Schutz vom Albert-Einstein-Institut in Potsdam. "Wenn sich das bestätigt, wird das als eine der größten wissenschaftlichen Entdeckungen in der Geschichte der Wissenschaft gelten", schwärmt der Kosmologe Max Tegmark vom Massachusetts Institute of Technology (MIT) und ergänzt: "Wir laufen hier am MIT alle mit einem breiten Lächeln durch die Gegend." Tegmark hat besonderen Grund zur Freude: Ihm winken nämlich jetzt 100 Dollar. Diesen Betrag hatte er bei einer Konferenz darauf verwettet, dass eines Tages ganz spezifische Überbleibsel des Urknalls entdeckt würden, sogenannte urzeitliche Gravitationswellen. Und genau die will das amerikanische Forscherteam aufgespürt haben.

Auf einer Pressekonferenz am Harvard-Smithsonian Center for Astrophysics präsentierte es Anfang dieser Woche Daten des Mikrowellen-Teleskops Bicep2. Mit diesem Instrument untersuchen die Forscher in der ungestörten Einsamkeit des ewigen antarktischen Eises den Nachhall jenes gewaltigen Big Bangs, mit dem vor knapp 14 Milliarden Jahren die Geschichte unseres Kosmos begonnen haben soll. Vom Urknall zeugt heute noch die kosmische Hintergrundstrahlung im Mikrowellenbereich, die das gesamte Weltall ausfüllt. Eine akribische Analyse dieser Strahlung mit dem Bicep2-Teleskop zeigt jetzt, dass die Geburt des Universums offenbar von heftigen Wehen begleitet war: In den ersten Sekundenbruchteilen nach dem Knall muss das Universum so heftig gewachsen sein, dass dabei Schockwellen erzeugt wurden, deren Abbild wir bis heute in der Hintergrundstrahlung entdecken können – eine Art Selfie des Urknalls.

Damit sei das missing link, das "fehlende Glied" der Kosmologie gefunden, sagte der Astrophysiker Marc Kamionkowski auf der Harvard-Pressekonferenz am Montag. Und es sei gleich aus drei Gründen bedeutsam. Zum einen lieferten die Bicep2-Daten das erste Abbild der lange gesuchten Gravitationswellen. Zum Zweiten sei dies der erste direkte Beleg für die Theorie der "kosmischen Inflation"; und zum Dritten zeigten die Daten eine tiefe Verbindung zwischen Quantenphysik und Relativitätstheorie, die bisher noch unverbunden nebeneinanderstehen.

Ganz großes Kino also für Kosmologie-Fans. Kein Wunder, dass sich die Reaktionen fast überschlugen. Nachdem in einschlägigen Blogs schon länger Gerüchte über eine bevorstehende Sensation zirkuliert hatten, war der Livestream der Pressekonferenz binnen Minuten völlig überlastet. Eilig hingehaltene Handys sorgten für alternative Übertragungswege in alle Welt. Währenddessen wurde die Forschungsarbeit bereits auf Twitter gepostet, dabei ist das Paper – anders als sonst üblich – noch nicht einmal bei einer Fachzeitschrift eingereicht, geschweige denn begutachtet. "To be submitted to a Journal TBD" steht oben auf der Arbeit, sinngemäß: Muss noch eingereicht werden – bei irgendeiner Fachzeitschrift.

Alle Experten betonen deshalb, das spektakuläre Ergebnis müsse erst noch von anderen Forschern geprüft und bestätigt werden, bevor es als gesichert gelten könne. Ihnen sitzt noch der Neutrino-Schock von 2011 in den Knochen. Auch damals hatten Physiker eine Sensation verkündet: Neutrinos, so hieß es, bewegten sich schneller als Licht. "Einsteins Relativitätstheorie wankt!", trompeteten Zeitungen rund um den Globus. Ein halbes Jahr später stellte sich heraus: Bei dem Experiment war ein Kabel locker, der vermeintliche Knüller schrumpfte zum banalen Messfehler (ZEIT Nr. 1/13).

So etwas soll den Bicep2-Forschern auf keinen Fall passieren. Man habe drei Jahre lang alle möglichen Fehlerquellen ausgeschlossen, versichert der Leiter des Experiments, John Kovac. "Das war bei Weitem die gründlichste systematische Analyse, an der ich je beteiligt gewesen bin."

Es geht ja auch um Fundamentales: Das Ergebnis des Bicep2-Experiments wäre der sicherste Beleg für jene wissenschaftliche Erzählung vom Beginn der Welt, die unter dem englischen Namen inflation (Aufblähung) firmiert. Dieser Theorie zufolge wuchs das Universum in den ersten Sekundenbruchteilen seiner Entstehung so gewaltig an, dass seine Größe innerhalb eines Wimpernschlags um unvorstellbare 30 Zehnerpotenzen anschwoll. (Der Raum etwa, den ein DNA-Molekül eingenommen hätte, wäre während der Inflationsperiode auf das Ausmaß der Milchstraße angewachsen.) Danach expandierte der Kosmos dann ganz gemütlich vor sich hin – bis heute.

So bizarr diese Ende der siebziger Jahre entworfene These auch klingen mag, ihre Verfechter führen dafür einige gute Argumente an. Mit der Inflationstheorie lassen sich nicht nur diverse Probleme des ursprünglichen Urknallmodells lösen, sie steht auch im Einklang mit zahlreichen Messungen von Satelliten und Teleskopen. Nur eines fehlte bislang: ein überzeugender, direkter Beleg dafür. Denn das empirische Wissen der Physiker reichte nie ganz bis zum Zeitpunkt null zurück, sondern nur bis etwa eine Sekunde nach dem Knall. Nicht weiter schlimm, könnte man meinen, die restlichen 13,8 Milliarden Jahre reichen doch. Aber weit gefehlt! Nicht zu wissen, was in der ersten Sekunde passierte, ist ungefähr so, als würde die biblische Genesis erst am Tag zwei beginnen.