Südlich der Krim-Hauptstadt Simferopol, an der Straße zu den Badestränden, schossen ukrainische Soldaten scharf. Das sei nur ein seit Langem geplantes Manöver, wiegelte das Verteidigungsministerium in Kiew ab. Aus Simferopol berichteten Augenzeugen von Schützenpanzerwagen. Prorussische Kosakenkrieger patrouillierten als selbst ernannte Ordnungshüter in kunterbunten Uniformen durch die Straßen. An den Bäumen hingen Karikaturen der führenden Kiewer Politiker mit Hitlerbärtchen. Und der Krim-Präsident trieb Moskau mit Brandreden an, die Halbinsel endlich wieder Russland anzuschließen. Das war im Sommer 1994.

Monate später nutzte der ukrainische Präsident Leonid Kutschma die Zerstrittenheit der führenden Prorussen in Simferopol und setzte seinen eifernden Krim-Kollegen ab. Die Krise klang aus, und der ukrainische Zentralstaat festigte sich ungestört von Moskau. Denn der Kreml hatte trotz aller lautsprecherischen Töne andere Sorgen: Er musste im Nordkaukasus das eigene Staatsgebiet mit Waffengewalt zusammenhalten. Der erste Krieg gegen die abtrünnigen Tschetschenen hatte begonnen.

Jetzt, 20 Jahre nach der Provokation von 1994, geht die Krim tatsächlich zurück an Russland. Präsident Wladimir Putin weiß die Mehrheit der Russen hinter sich. Dass Kreml-Chef Nikita Chruschtschow, ein Ukrainer, die Halbinsel 1954 aus der Russischen Sowjetrepublik herausgelöst und der Ukrainischen Sowjetrepublik als Zeichen der Einheit "zweier Brudervölker" geschenkt hatte, ist für sie nie mehr als ein Witz der Geschichte gewesen. Obwohl die Krim im Lauf der Jahrhunderte Griechen, Goten, Tataren, Genueser und Osmanen als Herrscher erlebt hat, lautet die Moskauer Parole: "Die Krim gehört uns!"

Schon Katharina die Große ließ die Krim besetzen

Man erinnert immer wieder an Zarin Katharina die Große, die 1771 die Krim im Drang nach einem eisfreien Hafen besetzen ließ und später die russische Alleinherrschaft "für alle Zeiten" verkündete. 1783 reiste sie selbst an und traf sich mit ihrem Favoriten, dem Fürsten Grigori Potjomkin, der Legende nach an einem Ort, der noch heute den Namen "Angenehmes Wiedersehen" trägt. Die deutschstämmige Fürstin logierte im Khan-Palast von Bachtschyssaraj und klagte über den Lärm in der nahe liegenden Moschee der Krimtataren. Bald darauf nahm sie den angestammten Einwohnern Land weg, vertrieb mehr als hunderttausend von ihnen und verteilte den Steppenboden an russische Würdenträger.

Die tiefe Verbundenheit der Russen mit der Krim geht aber vor allem auf die Sowjetzeit zurück. Damals erhielt sie einen fast mythischen Ruf als Sehnsuchtsort, als Insel des Friedens, der Ruhe und des Glücks. Die Krim versprach alles, woran es in Russland mangelte: Wärme, Süden, Freiheit.

Bereits 1920, gleich nachdem die letzten Offiziere der Weißen Armee auf Schiffen vor den Bolschewiki geflohen waren, hatte Lenin die liebliche Halbinsel per Erlass zum sozialistischen Werktätigen-Paradies erklärt. "Die Bürger der UdSSR haben ein Recht auf Urlaub" – so verkündete es später im Badeort Aluschta die Inschrift eines säulengetragenen Rundbogens im Stil des Stalinschen Klassizismus. Die Krim, das einstige Erholungsresort der Zaren und Adligen, sollte zur Riviera der Weltrevolution werden. Jedes sibirische Stahlwerk, jede Moskauer Gewerkschaft wollte ein eigenes Kurheim zwischen Oleanderbüschen und Mandelbäumen haben. "Der Menschen schnelle Reparatur geschieht in der riesigen Schmiede der Krim", tönte der Revolutionsdichter Wladimir Majakowski.

Die körperliche Instandsetzung der Arbeitermassen wurde plangemäß organisiert. Ein Urlaubsschein für ein Zimmer in Jalta galt als größtes Glück. Wer ihn endlich in Händen hielt, musste noch in langer Schlange Fahrkarten erstehen. Jährlich reisten Hunderttausende Sowjetbürger in den "Allunions-Kurort" Krim zu kollektiver Morgengymnastik, privilegiertem Strandzugang und Kantinenmief. Wesentlich exklusiver bot sich das Jugendlager Artek dar, das für die Nachwuchselite der Partei reserviert war, und selbstverständlich durften auch Kosmonauten wie der erste Mensch im Weltraum, der große Juri Gagarin, auf der Sonneninsel entspannen.

Postkartenidylle in der Erinnerung

Wer ohne Privilegien und Urlaubsschein blieb, fuhr oft als "Wilder" auf eigene Faust nach Süden und mietete sich unter der Hand bei Privatleuten ein. Für "nicht erarbeitetes Einkommen" konnten die Gastgeber allerdings im Gefängnis landen. Die Schlafkoje befand sich aus Platzmangel schon mal im Flur, auf dem Dachboden oder im ausgefegten Hühnerstall. Im staatswirtschaftlichen Sektor ging es ebenso gastlich zu: "Wie Freunde und Brüder betreuen die Kuranstalten der Krim die Werktätigen unserer multinationalen Heimat", freute sich eine Jaltaer Zeitung im Juli 1972. Heute schreibt die Moskauer Komsomolskaja Prawda: "Viele frühere Sowjetbürger verbinden mit der Krim die leuchtendsten Erinnerungen ihres Lebens. Wie könnte uns die Lage dort gleichgültig lassen?"