Können Sie sich noch an die Prilblumen erinnern? In den 1970er Jahren gab es diese bunten Abziehbildchen auf den Spülmittelflaschen, sie klebten auf Kacheln, Kühlschränken, auch auf Schulheften. Irgendwie erinnert mich die Malerei von Franziska Holstein an diese Blumen, in ihrer optimistischen und zugleich ein bisschen traurigen Art. Holstein malt in vielen Schichten, und offensichtlich ist die letzte Schicht das Produkt von vielen vorangegangenen Überlegungen. Die leise Traurigkeit kommt vielleicht daher, dass eine unschöne Küchenfliese auch durch eine noch so schön aufgeklebte Prilblume nicht wirklich schön wurde – die Blume lenkte eben nur kurz von der schalen Küchenmelancholie ab. Je mehr gespült wurde, desto mehr Blumen gab es. Aber auch die Blumen selbst waren sehr abstrahierte, geometrische Blüten und hatten mit der Natur nicht viel zu tun.

Franziska Holstein, 1978 in Leipzig geboren, war Meisterschülerin von Neo Rauch und galt lange als typische Vertreterin der Leipziger Schule. In ihrer neuen Ausstellung in der Berliner Galerie Christian Ehrentraut sind aber alle erzählerischen Elemente vollkommen verschwunden. Die eckigen Muster konnte man auch schon zuvor in ihren Bildern finden, doch beschränkt sie sich jetzt ganz darauf. Mal bunter, wie auf diesem Bild, das 11 800 Euro kostet, mal nur auf Brauntöne und Schwarz konzentriert. Die Dreiecke fügen sich zu Rauten, zu Parallelogrammen und Trapezen. Wer lange genug hinschaut, entdeckt Vexierspiele zwischen Fläche und Raum und kann Würfel, geknickte Bänder und offene Schachteln entdecken, die sich im nächsten Moment wieder der Fläche unterordnen. Dazwischen gibt es Farbspuren, die den Betrachter immer wieder darauf hinweisen, dass er ein Gemälde vor sich hat. Man kann sich kaum daran sattsehen und kommt der Darstellung doch nie auf den Grund. Das ist wie bei den Mustern, die man vor Augen hat, wenn man in die Sonne blinzelt. Augen auf, Augen zu: Welche Formen sieht man dann? Schon sind sie wieder verschwunden. Vielleicht ist das die vage Erinnerung, die sich mir aufdrängt, wenn ich das Gemälde von Franziska Holstein anschaue: Es könnte die konkrete Form des diffusen Flimmerns beim Blick in die Sonne sein.