An angelsächsischen Colleges soll es eine gängige Praxis gewesen sein: das Küssen von Fremden. Zu Semesterende mussten willkürlich zusammengewürfelte Paare, Kommilitonen, die der Zufall einander vor die Füße gespült hatte, auf einer Bühne knutschen, nach einigen Sekunden wurden die Partner gewechselt – eine Mutprobe, "heavy Flaschendrehen" gewissermaßen. Hier reichte nicht ein verhuschtes Aufeinandertreffen der Lippen, hier wurde geküsst, so richtig.

Von einer First Kiss-Welle sprach man in den vergangenen Tagen, als ein dreieinhalbminütiges YouTube-Video die Runde machte, 61 Millionen Klicks hat der Clip mittlerweile weltweit erhalten. Die Ausgangsszene: Zwanzig Fremde wurden in Paare eingeteilt, vor der Kamera sollten sie sich küssen, Frauen und Männer, Männer und Männer, Frauen und Frauen. Obligatorisch: mit Zunge. Zu beobachten ist eine Abfolge von Momenten, die, wie einer der Teilnehmer kichert, "awkward" sind: das pubertäre Armgebaumel, das Vermeiden von Blickkontakt, das Umeinanderschleichen, das Hinauszögern, kurz, all die peinlichen Anbahnungsrituale und Verlegenheitsgesten. Beim Zuschauer lösen sie einen Cocktail an Reaktionen aus, nur wegschauen kann man nicht. Fremdscham, Rührung, Entzücken und immer die Frage, wie man selbst die Situation würdevoll überstünde.

Auf der Authentizitätsskala, mit der heute alles gemessen wird, stand First Kiss zwei Tage lang ganz oben. Dann plötzlich: alles Fake! Eine Modefirma hatte den Clip in Auftrag gegeben, zwar kannten sich die Protagonisten wirklich nicht, viele von ihnen waren aber Schauspieler. Auf die Enttäuschung, dass alles Küssen nur Kommerz war, folgten die Parodien. Tag für Tag werden neue ins Netz gestellt: "Wir haben zwanzig Fremde aufgefordert, einander zum ersten Mal einen runterzuholen", lautet eine, First Sniff, der Versuch, das Experiment mit einander unbekannten Hunden zu wiederholen, heißt eine andere. Ein Unterbietungswettbewerb als Kompensation dafür, getäuscht worden zu sein. Doch wurde man es wirklich? Wann ist ein Kuss ein Kuss?

Das Video spielt mit dem Moment der Verschiebung: vom Fremden zum Vertrauten, vom Nichts zu einem Anfang. Es ist nicht nur die Irritation angesichts der überhaupt sehr merkwürdigen Praxis des Küssens, bei der man vorher nie weiß, wie der andere sich anstellen wird. Sondern es ist auch der ungeheuerliche Gedanke, dass die gesichtslose, rempelnde Masse, dass Passanten potenzielle Liebhaber, küssenswerte Gegenüber darstellen. Ja, noch mehr, dass alle, die wir küssen, einmal Fremde waren. Und nicht nur sie. Wir alle sind Passanten.