Ihre erste osteuropäische Bekanntschaft war Václav Havel. 1992 lernte Marci Shore den damaligen tschechoslowakischen Präsidenten auf einer Wiese kennen, am Rande eines Musikfestivals an der amerikanischen Ostküste. Havel war nicht persönlich anwesend, aber inmitten von kiffenden Hippies verschlang die amerikanische Studentin Marci Havels Essays. "Ich war fasziniert von der abenteuerlichen Romanze der auf den ersten Blick fehlerlosen Samtenen Revolution und von dem Dramatiker und Exhäftling, der Philosophenpräsident wurde, in einer prachtvollen Burg lebte [...]. Ich ging nach Osteuropa, weil ich eine Geschichte mit gutem Ende hören wollte. Ich wollte erfahren, wie die Philosophen an die Macht kamen und das Volk befreit wurde", schreibt sie nun in ihren Erinnerungen mit dem Titel Geschmack von Asche.

Erfrischend unakademisch kommt das neue Buch der amerikanischen Historikerin daher, die an der Eliteuniversität Yale Geistesgeschichte lehrt und dabei vor allem die Entstehung und das Nachleben des Kommunismus in Ostmitteleuropa erforscht: In Form einer Ich-Geschichte beschreibt Shore ihre schrittweise Annäherung. Sie tut dies mit feiner Selbstironie und mit einer bemerkenswerten Ausdauer, zu staunen, zu fragen und vor allem zuzuhören, all jenen Menschen, denen sie bei ihren Reisen und Forschungsaufenthalten in Tschechien, Polen, der Slowakei, Litauen und Rumänien begegnet.

Im Jahr 1993 fährt die damals 20-jährige linksliberale Amerikanerin los, nach Prag, in eine Stadt, in der Frauen "kleine Hunde in großen Handtaschen" herumtragen, und beginnt, ehemalige Dissidenten zu interviewen. Shore rechnet damit, Menschen zu treffen, die ihr ganzes bisheriges Leben dem Kampf gegen die kommunistische Herrschaft verschrieben haben, und ist bass erstaunt, als sie erfährt, dass die heldenhaftesten Dissidenten in ihrer Jugend selbst überzeugte Marxisten waren. Und dann beginnt die junge Frau, immer tiefer in die Geschichte und Kultur Ostmitteleuropas einzutauchen: "Wollte ich die Dissidenten verstehen, musste ich ihre Vorgänger verstehen, marxistische Revisionisten, die einen demokratischeren Sozialismus forderten; wollte ich die marxistischen Revisionisten der sechziger Jahre verstehen, musste ich die Stalinisten der fünfziger Jahre verstehen, wollte ich den Stalinismus verstehen, musste ich den Zweiten Weltkrieg verstehen."

So begleitet der Leser Marci Shore dabei, wie sie langsam lernt, Sprachkurs um Sprachkurs, Gespräch um Gespräch, Buch um Buch, Archivreise um Archivreise. Man friert mit ihr im ungeheizten Klassenzimmer einer tschechischen Provinzschule, wo sie sich Mitte der neunziger Jahre als Englischlehrerin verdingt. Man trinkt mit ihr Kaffee an Küchentischen von berühmten Schriftstellern und verarmten Rentnerinnen. Vielen Menschen begegnet man im Laufe des Buches immer wieder, weil Marci Shore über Jahrzehnte Kontakt mit ihnen hält, und so erfährt man, wer in der schönen neuen Welt des Postkommunismus zu Geld kommt, wer verbittert ist und wer verarmt.

Es gab auch fröhliche Fische im frühkapitalistischen Piranha-Becken

Da ist beispielsweise der tschechisch-jüdische KZ-Überlebende und Literat Arnošt Lustig, bei dem Shore zu Beginn der neunziger Jahre Seminare besucht und wieder und wieder darüber staunt, dass sein liebstes Thema Sex ist – Sex im Ghetto, Sex im KZ oder auch einfach nur Sex. So gehört sie dann zu den wenigen Menschen, die nicht weiter verwundert sind, als Lustig Mitte der Neunziger als altehrwürdiger Literat plötzlich Chefredakteur der tschechischen Ausgabe des Playboys wird, weil er dadurch "sehr gute Storys von seinen Freunden, den besten tschechischen Schriftstellern", veröffentlichen könne, wie er Marci Shore erklärt. Schriftsteller zu versorgen, was früher Staatsaufgabe war, wird nun zur Playboy-Aufgabe.

Wir lernen auch Oskar kennen, einen tschechischen Migranten, der nach der Niederschlagung des Prager Frühlings in die USA gegangen war und in den neunziger Jahren heimkehrt. Eigentlich ein gemachter Mann: pensionierter Arzt, glücklich verheiratet mit einer Amerikanerin, die sich ihm zuliebe nun mit der tschechischen Grammatik abmüht. Gemeinsam wollen sie den Lebensabend näher bei Oskars alten Freunden verbringen. Das Experiment scheitert. Die Freunde sind Fremde. Oskar bemerkt erst jetzt, wie gründlich er seine Wurzeln verloren hat, dass nichts in seinem Leben mehr zusammenpasst und er nirgendwohin gehört. Er begeht Selbstmord. Oskars Asche ist die Asche, die Marci Shores Buch den Titel gibt.