Nach ihrer Niederlage schwenkte sie wieder auf Kuschelkurs um, die Meinungsmaschine der Kronen Zeitung. Kaum hatte sich eine Mehrheit der befragten Bürger beim kommunalen Aufregungsthema des Jahres, der geplanten Fußgängerzone auf der Wiener Einkaufsmeile Mariahilfer Straße, gegen die Blattlinie der größten Boulevardzeitung des Landes entschieden, biederte sich die Lokalredaktion an die zuvor heftig gescholtene Vizebürgermeisterin Maria Vassilakou an. "Noch viele schöne Projekte!" durfte nun die grüne Politikerin, die beinahe über ihr Prestigeprojekt gestolpert war, im ganzseitigen Wohlfühlinterview in Aussicht stellen. Die Kronen Zeitung zeigt, wie flexibel sie ihren Kampagnenjournalimus zu handhaben versteht – im Zweifelsfall desertieren die Meinungsmacher dorthin, wo sich neue Mehrheiten bilden.

Schon zum zweiten Mal hintereinander war der Boulevardriese damit gescheitert, eine emotional geführte Debatte mit einem Sperrfeuer tendenziöser Berichte und Kommentare zu entscheiden. Wie schon in der Auseinandersetzung um die Wehrpflicht zu Beginn des vergangenen Jahres, die Kronen Zeitung trat damals massiv für die Einführung einer Berufsarmee ein, holte sich das Blatt auch in der Frage einer Verkehrsberuhigung auf der Mariahilfer Straße, Kosename: Mahü, eine Abfuhr. Eine Schlappe ausgerechnet in ihrer Spezialdisziplin Kampagnenjournalismus muss die Blattmacher besonders schmerzen. Wenn aber der Meinungsgenerator vom Boulevard ins Stottern gerät, wankt auch eine alte Faustregel österreichischer Politik: Gegen die Kronen Zeitung lasse sich kaum ein Vorhaben realisieren, wer ins Visier des Blattes gerät, müsse um seine Karriere bangen. Generationen von Politikern, bis hin zum amtierenden Bundeskanzler, haben daher stets versucht, sich am Redaktionssitz Muthgasse Liebkind zu machen.

Diesmal, so scheint es, konnte aller medialer Furor auch einer kontroversen Figur wie der grünen Planungsstadträtin Vassilakou und ihrem Leitprojekt nichts anhaben. In über 300 Berichten, Kommentaren und Leserbriefen hatte die Kronen Zeitung seit Beginn des vergangenen Jahres gegen die "Schmuddel-Fuzo" und die "Schande für Wien" getrommelt. Vergeblich.

Nach dem Tod ihres Gründers Hans Dichand im Juni 2010 hat die Kronen Zeitung viel von ihrer alten Vormachtstellung und Durchschlagskraft verloren. In der Redaktion ringen seither viele um eine neue einheitliche Linie, die allerdings von dem neuen Chefredakteur, Dichands Sohn Christoph, nicht in alter Manier eingefordert wird. Ein Teil der Redaktion versucht, ein Blatt mit achtbarem Boulevardjournalismus und unter Verzicht auf fast alle Kampagnen zu machen. Der andere Teil hätte es gerne wie früher. Aber die von der Politik allzu sehr gefürchteten publizistischen Schlachten wären heute auch unter der Ägide des verstorbenen Zeitungspatriarchen kaum mehr zu gewinnen. Ein Medienkind aus der eigenen Familie ist einfach zu groß und eigenständig geworden und hat der dominanten Medienorgel vor allem in Wien viel von ihrer brausenden Stimmgewalt gekostet.

Während laut Media-Analyse 2007/08 noch 41,1 Prozent der Wiener ab 14 Jahren angaben, die Kronen Zeitung täglich gelesen zu haben, erreichte das Blatt fünf Jahre später nur noch 30,9 Prozent, also ein Viertel weniger. 2012/13, neuere Daten liegen noch nicht vor, war im Wiener Raum das Gratisblatt Heute , das von Schwiegertochter Eva Dichand gemanagt wird, mit einer Tagesreichweite von 41,7 Prozent inzwischen ungefähr so stark, wie es die Kronen Zeitung noch fünf Jahre zuvor gewesen war. Wenn jetzt die Politik daraus nicht lernt, dass mit Konzentration auf Boulevardblätter Wahlen nicht zu gewinnen sind, dann ist ihr nicht zu helfen. Zugleich sind Abstimmungen oder Wahlen nicht automatisch verloren, wenn sich das noch immer zu große Boulevardblatt Kronen Zeitung auf eine Seite einschießt, weil Informationskanäle im digitalen Bereich deutlich mehr wurden. Ob Eva Dichand mit ihrer Ankündigung "Wir sind groß geworden mit einer relativ breiten Blattlinie, und jetzt ist es Zeit, ein wenig kämpferischer zu werden" tatsächlich Kampagnenjournalismus im Schwiegervater-Stil androht, wird sich erst zeigen. Vermutlich wäre auch diesem nur begrenzter Erfolg beschieden. Denn ein großer Teil der Bevölkerung ist aus Erfahrung misstrauisch gegen allzu offensichtliche Meinungsmonotonie geworden.