Es musste einem merkwürdig vorkommen, dass die Erde noch trug, als man um drei Uhr nachts aus der Bayerischen Staatsoper kam. Wo man doch sechs Stunden lang in ihren Säften gebrodelt hatte, die durch alle Poren drangen, aus allen Öffnungen tropften, der Regen und die Scheiße, das Blut und der orange-gelbe Schwefel, die Flüsse des amerikanischen Homelands und 25 Tonnen glühenden Eisens. Das floss so ineinander durch die Bilder und die Menschen, durch die auch die Winde, die Krämpfe und die Stimmen gingen, sodass sie wie die Orgelpfeifen von Trance, Trauer und Schmerzen sangen.

Das war natürlich auf der Leinwand, sauber blieb dabei die kunstsinnige Hautevolee, die gekommen war, um die Europapremiere von Matthew Barneys Monumental-Opern-Performance-Film River of Fundament zu sehen. Man wolle einmal ausprobieren, hatte Barney mit feinem Lächeln gesagt, was passiere, wenn man die üblichen eineinhalb Stunden überschreite, und zwar deutlich. Auch der Opernintendant Nikolaus Bachler amüsierte sich offensichtlich, als er bekannt gab, dass River of Fundament das längste je in seinem Haus aufgeführte Stück sein würde, weil selbst die Meistersinger von Nürnberg zehn Minuten kürzer seien.

Ein perfekt zyklischer Film kam an diesem Abend zur Aufführung, symphonisch orchestriert von Jonathan Bepler, unterteilt in drei Kreise der Wiedergeburt und Zerstörung, bis schließlich alles endete, wie es begann. So inszeniert man vom Standpunkt der ganz langen Dauer aus, um nicht zu sagen der Ewigkeit.

Der US-Amerikaner Barney tritt bescheiden auf, spricht leise und mit dem disziplinierten Ernst sehr sportlicher Menschen. So betreibt er eine der gigantischsten Mythenproduktionen der zeitgenössischen Kunst. Genres, Materialien, Verfahren und kulturgeschichtliche Erbschaften rührt er zusammen, arbeitet sie mit gewaltigem technischen Aufwand um und drückt so seine Vorstellung von der ewigen Wiederkehr der Welt an die Oberfläche der Dinge.

Transformation und Rekreation sind schon früher seine Themen gewesen, zum Beispiel in der seit den achtziger Jahren fortgesetzten Reihe Drawing Restraint oder den Cremaster- Filmen. An River of Fundament arbeitet Barney seit 2007 und hat dabei seinem mythologischen Denkgebäude eine Reihe neuer Ebenen eingezogen.

Schon indem er einem Rat Norman Mailers folgte, der ihm seinen kaum lesbaren Roman Ancient Evenings an die Hand gab. Der besteht in einer Überschreibung ägyptischer Mythen in amerikanischem Temperament, in der der Edle Menenhetet I. dreimal wiedergeboren wird, wozu er den Fluss der Exkremente durchquert und in die Gebärmutter seiner Frau und Mutter zurückkehrt. Wenn man dies Buch der Handlung wegen lese, müsse man sich erhängen, schrieb der Kritiker Harold Bloom. Aber schon Anfang und Ende, in denen körperlose Geister im Tohuwabohu zwischen den Inkarnationen schweben, sind für Barney text- und titelgebend: "Verworrene Gedanken und grimmige Gewalten sind mein Zustand. Ich weiß nicht, wer ich bin. Oder wer ich war. Ich kann nichts hören. Ein Schmerz ist nahe, der wie kein Schmerz sein wird, der je gefühlt wurde. Hält diese Angst das Universum zusammen? Ist Schmerz das Fundament? Sind alle Flüsse Adern des Schmerzes?"

Weil Norman Mailer kurz nach ihrem Gespräch über sein Buch starb, lässt Barney nun ihn selbst wie den mythischen Ägypter reinkarnieren. Der Film spielt während der Trauerfeier für Mailer, zu der nicht nur Salman Rushdie und Jeffrey Eugenides unter anderen zu Gast sind, sondern also auch Mailer selbst in drei Versionen.

Und ein weiteres Mal wiederholt Barney die Inkarnationen. Und zwar mit ikonischen amerikanischen Autos, die während dreier Liveperformances in Los Angeles 2008, Detroit 2010, New York City 2013 zerstört und als Skulpturen wiedergeboren wurden. Die Filmaufnahmen davon sind in River of Fundament zwischen die Spielfilmszenen montiert. Die spektakulärste Aktion besteht darin, in fünf Hochöfen in Detroit Eisen zu schmelzen, um darin einen in 14 Teile zerstückelten 1967 Chrysler Crown Imperial zu versenken und ein ägyptisches Riesensymbol zu gießen, ein Zeichen der Dauer und Beständigkeit.

Während der Film vorläufig nur ein einziges Mal im Opernhaus lief, hat das Haus der Kunst in München eine aufwendige Ausstellung eingerichtet, in der alle Skulpturen gezeigt werden, die daraus hervorgegangen sind. Neben Zeichnungen, Requisiten, Storyboards auch Arbeitsexemplare des Mailer-Romans, Reliquien des kompletten Werkzusammenhangs von River of Fundament .

Wobei natürlich die Frage ist, wie verständlich das für den Besucher wird, der den Film nicht sehen kann. Es ist allerdings wahr, dass man sich sowieso erhängen müsste, wenn man die verschlungenen Pfade der Privatmythologie Barneys genau nachvollziehen wollte. Es genügt eigentlich, sich darauf zu verlassen, dass sie bestehen. Während man am Material selbst die Gewalten wahrnehmen kann, die Barney darauf hat einwirken lassen. Als würde er in der Tat seiner Idee nachkommen, durch die Gesteinsschichten vorzudringen bis zu den prähistorischen Tiefen, in denen die Ressourcen lagen für den Wohlstand des amerikanischen Industriezeitalters – Eisen, Schwefel, Gold. Einen Wohlstand, der allerdings momentan schon wieder im Schutt liegt, durch den Barney wühlt und aus dem er demiurgisch Neues knetet.

Aus den zerstückelten Körpern, den zerstörten Maschinen, den zertrümmerten Elementen steht denn auch im Film der Geist einer neuen Einheit auf. Wie Mailer und das Programmheft des Films William Butler Yeats zitieren: "das Gedächtnis der Natur selbst". Unsterblichkeit dräut. Dazu hat das europäische Premierenpublikum höflich applaudiert und ist erschöpft ins Bett gegangen.

Die Ausstellung "Matthew Barney: River of Fundament" läuft bis zum 17. August im Haus der Kunst in München (weitere Informationen unter www.hausderkunst.de)