Wie es sich anfühlte, mit 34 Jahren Kultusminister Mecklenburg-Vorpommerns zu werden? "Stellen Sie sich einen ICE vor", sagt Mathias Brodkorb. "Stellen Sie sich vor, Sie stehen am Bahnsteig, dieser ICE rast an Ihnen vorbei, mit 250 Sachen. Plötzlich öffnet sich eine Tür, bei voller Fahrt, eine Hand greift nach Ihnen und zerrt Sie in den Waggon."

Genau so habe er sie empfunden, die ersten Tage im Amt, damals, im Oktober 2011. Als totale Beschleunigung. Die Fülle der Aufgaben, die Last der Verantwortung: "Plötzlich Dienstvorgesetzter von 20.000 Menschen zu sein, diesen Job, diese Riesenlast mit maximaler Angriffsfläche von allen Seiten, das war ein überwältigender Prozess für einen jungen Politiker, menschlich wie fachlich."

Der SPD-Mann Brodkorb ist jetzt 37 Jahre alt, er führt immer noch das Bildungs- und Kulturressort und gilt als so eine Art Regierungs-Intellektueller von Schwerin. So will er wohl auch wirken; mit dem Scheitel, der randlosen Brille. Brodkorb ist gebürtiger Rostocker, hat den Marxismus privat und die Philosophie an der Uni studiert, mit 25 saß er schon im Landtag. Er gilt als überaus ehrgeizig; es gibt nicht wenige in Schwerin, die die demütigen Sätze von der Riesenlast des Amtes gar nicht glauben mögen, weil sie seinen Ehrgeiz befremdlich finden, sein Selbstbewusstsein einschüchternd. In den vergangenen Jahren hat Brodkorb, zum Beispiel, zeitweise die versammelte Kulturszene gegen sich aufgebracht, mit rigorosen Streichplänen an den Theatern. Manche sagten, der sei zu jung zu hoch aufgestiegen. Brodkorb polarisiert. Aber er kann sich auch bescheiden zeigen. "Ich bin dankbar, dass er mir das zutraute: Bildungsminister", sagt Brodkorb.

"Er", das ist Erwin Sellering (SPD), der Ministerpräsident von Mecklenburg-Vorpommern. Seit Sellering regiert, ist die Blitzkarriere einer blutjungen Kraft wie Brodkorb keine Ausnahme, sondern Teil eines gezielten Förderprogramms. Das ist zumindest die eine Interpretation der ungewöhnlichen Selleringschen Personalpolitik, die immer wieder Junge ins Zentrum der Macht spült. Die andere Interpretation lautet: Dieser Premier befördert mit Vorliebe Menschen, die ihm die Karriere verdanken. So schaffe er Loyalitäten.

Unstrittig ist: Sellering, 64, der seit 2008 eine große Koalition führt, hat sich ein Youngster-Kabinett zusammengestellt, wie es das kein zweites Mal in Deutschland gibt. Hier, in einem der greisesten Bundesländer, wo die Bevölkerung im Durchschnitt so alt ist wie kaum irgendwo sonst in der Republik, amtieren gleich drei Minister, die nicht älter sind als 40. Die Rede ist nicht nur von Mathias Brodkorb, sondern auch von einer Frau, die auf verschlungenen Wegen in der Politik landete: Birgit Hesse, 39, Sozial- und Arbeitsministerin. Und von einem Mann, dessen Aufstieg vielleicht nicht geplant war, aber doch vorgezeichnet: Christian Pegel, 40, Energieminister. Beide sind sehr neu im Amt.

Aber sind sie denn noch etwas Besonderes? In einer Zeit, da in Berlin schon ein 38-Jähriger Vizekanzler war, Philipp Rösler von der FDP; oder in der Daniel Bahr, FDP-Mann auch, 2011 im Alter von 34 Jahren Bundesgesundheitsminister wurde?

Der Unterschied ist, dass in Mecklenburg-Vorpommern die Fokussierung auf die Jüngeren geradezu zwingend erscheint. Hier klettern nicht nur Ehrgeizlinge empor, sondern auch jene, die nie in die Politik hatten gehen wollen.

An der SPD lässt sich dies am besten erklären. Nirgends in Deutschland, von Sachsen abgesehen, hat diese Partei im Verhältnis zur Einwohnerzahl so wenige Mitglieder wie hoch im Nordosten. Aber in Sachsen ist die SPD weit davon entfernt, einen Regierungschef zu stellen. Aus 2.800 Parteimitgliedern soll Sellering das Gros seines Personals rekrutieren. Es kann nur befördert werden, wer da ist – auch das gehört zur Wahrheit. Erwin Sellering drückt das charmanter aus. "Mecklenburg-Vorpommern ist ein dünn besiedeltes Land. Und das bedeutet eben auch, dass junge, engagierte Leute, die etwas können, bei uns schneller aufsteigen, als das anderswo der Fall ist", sagt er. Sellering hält sich zugute, dass er keine schlechten Erfahrungen mit seiner Nachwuchspolitik gemacht habe. Der Aufstieg des Schweriner Polit-Starletts Manuela Schwesig zur Bundesfamilienministerin war für ihn ein Triumph. Schwesigs Karriere ist eine, die ohne ihn wohl nicht passiert wäre. Schwesig war Sellerings Sozialministerin von 2008 bis 2013. Er hatte sie, eine Steueramtsrätin, aus dem Schweriner Stadtrat in sein Kabinett geholt. Das hätte schiefgehen können. Es funktionierte. Schwesig machte schnell Furore. Jetzt sitzt sie in Berlin.