Die Konflikte der Gegenwart werden häufig zwischen dem ausgetragen, was technisch möglich ist, und dem, was rechtlich erlaubt ist: so wie beim Streamen, dem Anschauen von Videos im Internet. Dabei werden die Dateien nicht auf dem Computer gespeichert, man besitzt sie also nicht, sondern schaut nur – häufig ohne zu bezahlen. Hunderttausende streamen. Sie gucken US-Serien wie Breaking Bad und Girls umsonst online und wähnen sich in einem Graubereich kurz vor der Illegalität: Sie speichern nichts. Aber eine Frage bleibt: Was bekommt der Urheber?

Konflikte zwischen Urhebern, Verwertern und Verbrauchern gibt es schon seit 200 Jahren, wie die Historikerin Monika Dommann in ihrer großen Studie Autoren und Apparate zeigt. Ihr Buch geht den Verflechtungen von Vervielfältigung und Verrechtlichung nach. Dabei wird auch deutlich, wie sehr sich im Lauf der Zeit verändert hat, was wir unter geistigem Eigentum verstehen.

Wissen und Ideen gehören zu den wichtigsten Gütern in einer Gesellschaft, die Maschinen entwickelt und steuert, statt sie selbst am Fließband zusammenzuschrauben. In Amerika und Frankreich sind die Regelungen zum Schutz des geistigen Eigentums zeitgleich mit dem Verfassungsstaat entstanden. Der Urheber war damals jemand, der schrieb, Texte oder Noten, auf Papier. Mittlerweile werden E-Mails, Handyfotos, Computerspiele, Präsentationen vom Urheberrecht geschützt.

Monika Dommann, geboren 1966 in Walchwil in der Schweiz, lehrt in Zürich. Ausgangspunkt für ihre Analyse sind zwei Konflikte der Gegenwart: das Herunterladen von Dateien und die Auseinandersetzung um die Google Library, also das Bestreben von Google, sämtliche Bücher einzuscannen und frei verfügbar zu machen. Den Kampf um das Recht zeigt sie an den beiden historischen Vorläufern, der Bibliothekskopie und der Musikaufnahme.

Autoren und Apparate ist ihre Habilitationsschrift, und das muss deshalb eigens erwähnt werden, weil die Geschichtswissenschaft noch immer dazu neigt, die Geschichte als Schöpfergeschichten großer Männer erzählen. Für Monika Dommann ist die Geschichte ein Geflecht unterschiedlicher Triebfedern, von Technik, Medien und Recht. Sie interessiert sich für die Effekte, welche die Entstehung von neuen Vervielfältigungstechniken auf Rechtsnormen hatte, und umgekehrt dafür, wie das Recht den Gebrauch der neuen Medien prägte. Dass Historikerinnen wie Dommann habilitiert werden, ist ein Glück für die Geschichtswissenschaft.

Dommann beschreibt, wie Tonbandamateure in den 1960er Jahren mit Magnettonbändern allerhand anstellten, was in der Gebrauchsanweisung nicht vorgesehen war. Die Tonjäger zeichneten Radiosendungen auf, Schallplatten, Töne auf der Straße. Sie schnitten, spulten, löschten. Sie scherten sich nicht um das Copyright, wollten keine Bach-Sonaten hören, sondern selbst etwas mixen. "Sie fühlten sich einer elektronischen Revolution verpflichtet", schreibt Dommann. "Diesen Waffen ist mit dem Recht natürlich schlecht beizukommen." Die Tonjäger wollten nicht für etwas bezahlen, das sie nur für sich aufnahmen, abspielten und dann wieder löschten. In Musikmagazinen stand: "Es ist illegal – aber ist es amoralisch?" Der Ruf nach der Moral, sagt Dommann, sei immer ein Zeichen dafür, dass das Recht vollkommen an der Gegenwart vorbei geschrieben sei. Mediale Umbrüche werfen immer die Frage auf, wer eigentlich alles ein Urheber ist.

Dommann zeichnet nach, dass der heutige Begriff des Urhebers aus dem Geniekult des 18. Jahrhunderts stammt. Der Begriff verweist etymologisch auf Gott, den primären Schöpfer. Aber jede technische Entwicklung macht deutlich, dass Werke und Ideen durch Austausch und Überlieferung entstehen und dass am Anfang einer Innovation oft die Imitation steht. Der einzelne, schöpferische Autor ist tot, und nicht erst das Internet hat ihn getötet.

Eine narzisstische Kränkung des Urhebers ist die Schallplatte. Schon zuvor schickten die ersten organisierten Urheber, französische Komponisten, ihre Bürokraten mit Quittungsblöcken dahin, wo mit ihren Kompositionen Geld verdient wurde, zu Tanzveranstaltungen, in Varietés. Dann kam die Schallplatte. Auch der Sänger, die Sängerin wollte jetzt Urheber sein. Die Komponisten stimmten nur zu, damit sie ihre Rechte in die Phonographenära hinüberretten konnten. 1930 kam mit dem Radio eine weitere narzisstische Kränkung. Die Radiogesellschaften wollen den Komponisten keine Abgaben zahlen und spielten Musik, die nicht verschriftlicht war: ländliche Folklore, black und Latin music. Blöderweise hatte man gerade herausgefunden, dass Hits nur entstehen, wenn sie häufig im Radio gespielt werden: Die Komponisten gaben nach. Vom Urheberrecht geschützt werden konnte nun auch Musik, die ohne Verschriftlichung überliefert worden war.

Die Technik lässt mehr Menschen zu Urhebern werden, und wer den Zugang zu geistigem Eigentum stark einschränkt, verhindert vielleicht den nächsten kreativen Akt. Dommann sagt im Gespräch: "Wir wissen nie, wo etwas Neues entsteht. Wie im Silicon Valley, wo ein neues Medium geschaffen wurde, das die ganze Welt revolutioniert hat. Man kann es im Nachhinein erklären, es waren Radioröhrentechniker da, Wissenschaftler, die rechnen konnten, Hippies, die freier dachten. Aber dass wir jetzt das iPad haben, so etwas kann man nicht planen."

Würde ein Werk zustande kommen, wenn es nicht vom Urheberrecht geschützt wäre? In dieser Frage unterscheidet Dommann Wissenschaft und Verwertung. In den Bibliotheken geht es von Anfang an um Austausch. Amerikanische Bibliotheken verbreiten über Mikrofilm massenhaft Bibliotheksbestände aus Europa. Sie gehen sehr offensiv vor, und keiner wehrt sich. Als man 30 Jahre später auf Knopfdruck kopieren kann, wollen die Wissenschaftler so weitermachen wie zuvor. Sie argumentieren, dass Kopien den Kauf eines Buches oder einer Zeitschrift nicht ersetzten, sondern eine neue Form der Kommunikation und des Wissenstransfers seien – eine zeitgemäße.

Bald standen massenhaft Xerox-Kopierer an Bahnhöfen und in Bibliotheken. Niemand wusste mehr, wer was kopiert. Die Verleger wollten mitverdienen, der Streit ging bis vor den Supreme Court. Kopieren darf man in Bibliotheken bis heute. Neuere Auseinandersetzungen drehen sich um die Frage, ob wissenschaftliche Forschung auch außerhalb der Bibliotheken, also im Netz, frei verfügbar sein soll. Dommann plädiert für open access, zumindest in der Wissenschaft.