"Sitzt gerade, und schließt die Augen." Die Stimme von der Bühne klingt beruhigend und eindringlich. Wir tun, was der Mann auf dem Podium uns geheißt: gar nichts. Die Minuten dehnen sich zu einer kleinen Ewigkeit. "Nun öffnet die Augen, und schaut euch um. Was seht ihr?" Wir sehen einen nüchternen Konferenzraum mit psychedelischen Teppichmustern, der mit Bambusstangen und seltsam geformten Schwebeobjekten dekoriert wurde. Wir sehen den Sprecher auf der Bühne überlegen lächeln. Und wir sehen zweitausend Menschen, von denen viele ebenfalls sehr gelöst lächeln. Manche fläzen sich auf riesigen Kissen vor der Bühne, andere sitzen im Schneidersitz auf Konferenzstühlen.

Bei der heterogenen Gruppe, die sich Mitte Februar anlässlich der Konferenz Wisdom 2.0 in San Francisco versammelt hat, handelt es sich um die Adepten einer neuen Bewegung. Äußerlich repräsentieren sie den Durchschnitt des überdurchschnittlich gebildeten und verdienenden Amerikas: Sie tragen Anzughosen und Jeans, wollene Kleider und bunte Seidenschals. In den kommenden Tagen werden wir mit ihnen meditieren und tanzen, Yoga-Übungen machen und sie anfassen. Vor allem aber werden wir viel über eine neue Unternehmenskultur lernen, die Technologie und Geschäft mit einer Art von Religiosität zu verknüpfen sucht.

Das wichtigste Schlagwort der Strömung, die sich derzeit an der amerikanischen Westküste formiert, lautet mindfulness, Achtsamkeit. Die Wisdom 2.0 muss man sich als Gipfeltreffen der Szene vorstellen: Ihre Teilnehmerzahl hat sich in wenigen Jahren verzehnfacht, das Thema füllt Bücher und prangt auf den Titelseiten von Magazinen. Begründet hat die Konferenz der Yoga-Lehrer Soren Gordhamer. In seinem Ratgeber beschreibt er die Ausgangslage der Bewegung: In einer vernetzten Welt sei uns der Kontakt abhandengekommen. Zwar seien wir über immer mehr Geräte und Netzwerke mit so vielen Menschen verbunden wie nie zuvor, doch gehe uns darüber die echte Zwischenmenschlichkeit verloren. Zudem steige der digitale Stress mit jeder neuen Anwendung und jedem neuen Konto, das wir checken müssen. Aus Nutzern werden Benutzte. Immer mehr Projekte würden gleichzeitig begonnen und immer langsamer fertig. Was viele aus ihrem Privatleben kennen, ist in der Geschäftswelt eine Größe, die sich als Arbeitsausfall berechnen lässt. Die Motivation ist daher hoch, Abhilfe zu schaffen. Coaches und Personal Trainer teilen sich einen Markt, der den überforderten technologischen Eliten wieder das Monotasking beibringen soll.

Ihr Kraftzentrum hat die wachsende Achtsamkeitsgemeinde nicht zufällig in der Heimat derjenigen Firmen, die ursächlich am Entstehen des Problems beteiligt sind und sich nun selbst an die Spitze der Gegenbewegung stellen: im Silicon Valley, oder, etwas weiter gefasst, um San Francisco miteinzubeziehen: in der Bay Area. Die weitläufige Tallandschaft verbindet die rauen Surf-Spots der nordkalifornischen Küste mit den popkulturellen Esoterikhochburgen North Beach und Haight Ashbury. Sie beheimatet die Hochsicherheitsgelände von Soft- und Hardwarefirmen wie LinkedIn oder Apple ebenso wie die kleinen Start-ups an der Valencia Street zwischen den Gourmet-Coffeeshops und Fahrradläden in San Franciscos Hipster-Bezirk The Mission. Im Norden liegt die Universität Berkeley und im Süden der palmengesäumte Campus von Stanford inmitten der Suburbs von Palo Alto mit ihren pittoresken Bungalows. Diese Mikrokosmen könnten unterschiedlicher kaum sein, und doch bilden sie eine gemeinsame Struktur, die nicht nur neue Technologien, sondern auch eine neue Art des Wirtschaftens, des Denkens, vielleicht sogar des Fühlens und der Ethik hervorbringt.

Die wichtigste Inspirationsquelle dieses Projekts ist nicht, wie man erwarten könnte, eine westlich-säkulare Science-Fiction, sondern jahrtausendealte asiatische Spiritualität. Dieses neue Interesse an alten Praktiken wie der Meditation wirft eine Frage auf, die sich schon der Nationalökonom Max Weber stellte: Gibt es einen Zusammenhang zwischen Wirtschaftsform und Religion? In welcher Beziehung stehen beide? Weber, dessen 150. Geburtstag dieses Jahr gefeiert wird, gab darauf bekanntlich die Antwort, dass am Entstehen des modernen Kapitalismus der Protestantismus beteiligt gewesen sei. Er argumentierte, dass vor dem Kapitalismus ein "Geist des Kapitalismus" bestanden habe, den er in der calvinistischen und puritanischen Ethik entdeckte. Daraus, so Weber, habe sich die moderne, bürgerlich-kapitalistische Produktionsweise entwickelt.

Aber angenommen, die Herleitung stimmt (zuletzt wurde sie eher bestritten) – gilt sie dann noch heute? Kann man beispielsweise über den Fall von WhatsApp sagen, dass hier ein "planvoll und nüchtern auf den wirtschaftlichen Erfolg" ausgerichtetes Handeln innerhalb von vier, fünf Jahren ein Unternehmen hervorgebracht hat, das die 19 Milliarden Dollar wert war, die Facebook dafür bezahlte? Wer ins Silicon Valley fährt, entdeckt im neuen Kapitalismus der Digitaltechnologien eher eine andere Form von Religiosität – zumindest eine innige Beziehung zum Buddhismus, genauer: dem Zen-Buddhismus.

Zen ist das Ergebnis einer langen Reise des Geistes, der, von Indien über China nach Japan kommend, seine vedisch-spekulativ-versponnene Metaphysik abstreifte und nunmehr eine rein innerweltliche Orientierung anbietet. Zen-Buddhismus ist das Paradox einer Religion ohne Glauben und ohne Jenseits. Aus der Erleuchtung im Zen folgt in erster Linie eine verwandelte Einstellung zu den Dingen des Lebens, ein praktisches Handeln.

"Gott wohnt in den Schaltungen eines Digitalrechners wie in einer Blüte"

Wer im Zen Erleuchtung erlangt, wird genau dasselbe alltägliche Leben führen wie zuvor. Nur wird er es nicht nachlässig führen, sondern mit vollendeter Hingabe. Ohne störende Gedanken, ganz bei der jeweiligen Tätigkeit mit all ihren Erfordernissen, mag es sich nun um das Arrangieren von Blumen handeln (Ikebana), das Zubereiten und Trinken von Tee (Chado), Bogenschießen (Kyudo) oder das Zusammenlegen frisch gewaschener Wäsche. In Japan blieb das Zen elitär, der Großteil der Bevölkerung zog die simplen Verehrungs- und Andachtsformen vor. Aus seiner Isolierung herausgefunden hat das Zen erst, als es von Japan aus noch weiter nach Osten zog: an die Westküste der USA.