In München, in Berlin und in Hamburg haben Flüchtlinge, Arbeits- und Armutsmigranten Camps errichtet und fordern ein Aufenthaltsrecht und Arbeitserlaubnisse für sich. Sie tun das unabhängig von den jeweils individuellen Gründen, die ihren Wunsch, in Deutschland zu leben, ausgelöst haben. Nicht wenige Bürger sympathisieren mit diesen in der Regel jungen Männern. Und konkretisieren das mit Slogans wie "Refugees bleiben", "Open Border" oder "Niemand ist illegal, nirgendwo". Dass die Forderung nach einer bedingungslosen "Öffnung der Grenzen für alle" nicht vernünftig ist und den Refugees selbst umso weniger hilft, je mehr sie sind, sehen zwar die meisten ein, sie verlangen aber trotzdem nach einer Lösung. Und das zu Recht. Doch wie kann eine Lösung aussehen?

Völlig offene Grenzen nach Europa hätten Konsequenzen, derentwegen Sorgen berechtigt wären. Deutschland könnte kein Sozialstaat mehr sein, und Europa könnte keiner werden, weil der Sozialstaat nicht grenzenlos jedermann unterstützen kann und schon gar nicht auf dem heutigen Niveau. Oder wir müssten wieder, wie es im Hamburg des 18. und 19. Jahrhunderts der Fall war, zwischen "unseren" Armen und den "fremden" Armen unterscheiden. Europa und Deutschland müssten bei bedingungslos offenen Grenzen die Existenz informeller Siedlungen in und vor den Städten akzeptieren, wie sie in vielen Ländern der Welt verbreitet sind.

Auf der ganzen Welt ohne Grenzen leben zu können ist eine wichtige Zukunftsvorstellung. Doch wir würden uns gerade diese Zukunft verstellen, wollten wir schon jetzt "grenzenlos" politisch handeln.

Wenn Europa eine angemessene Antwort auf die Flüchtlingsströme finden will, kann es das nur gemeinsam und solidarisch tun. Das heutige Verfahren, wonach letztendlich die Flüchtlinge in dem Land verbleiben, in dem sie zuerst europäischen Boden betreten haben, wird immer wieder kritisiert. Eine Alternative wäre ein Quotenmodell.

Jüngst hat der Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Migration und Integration Wege zu einer fairen "Lasten"-Teilung nach einem solchen Quotenmodell aufgezeigt. Die Berechnung, die unter anderem Bevölkerungszahl und Wirtschaftskraft berücksichtigt, würde aktuell dazu führen, dass Deutschland in etwa so viele Flüchtlinge aufnehmen müsste, wie es heute tatsächlich aufnimmt, und zwar insgesamt etwa 16 Prozent aller in Europa eintreffenden Flüchtlinge. Etwa 20 Länder, darunter Großbritannien und übrigens auch Italien, müssten mehr Flüchtlinge aufnehmen. Allerdings findet sich für ein solches Quotenmodell wohl gegenwärtig kein Konsens unter den Mitgliedsstaaten der Europäischen Union.

Flüchtlinge und Arbeitsmigranten sitzen oft im selben Boot auf dem Weg von Afrika, und die Motive dieser sind nicht weniger wert als die Motive jener. Aber gerade weil der Anteil derjenigen, die eigentlich als Arbeitsmigranten begriffen werden müssen, möglicherweise höher ist als der Anteil derjenigen, die unterwegs sind, um vor politischer Verfolgung oder Krieg zu flüchten, gerade darum ist es wichtig, sich Gedanken über regelhafte Zuwanderungsmöglichkeiten zu machen.

Nicht weil Deutschland oder Europa Fachkräfte brauchen, das wäre eine falsche Rationalisierung. Nein, es muss darum gehen, zu verhindern, dass Männer und Frauen wochen- und monatelang über Land reisen, teilweise Wüsten durchqueren, großen Gefahren ausgesetzt sind und dann unter Lebensgefahr die nicht legale Einreise nach Europa versuchen. Die Perspektiven einer legalen Zuwanderung müssen so sein, dass diese die europäischen Arbeitsmärkte nicht überfordert. Gleichzeitig muss sie attraktiv genug sein, um die Zahl derjenigen deutlich zu vermindern, die diese lebensgefährlichen Wege beschreiten. Das wäre eine humanitär motivierte Strategie.