Andrej Alexiejew ist erschöpft. Seit Stunden steht der 43-jährige Grafikdesigner aus Kiew mit einer kleinen Gruppe von Demonstranten an einer lauten Kreuzung im Stadtteil Knightsbridge. "Die Ukraine steht in Flammen" ist auf dem vom Regen aufgeweichten Plakat zu lesen. Schlimmer als die Kälte, die Nässe und die Müdigkeit ist für ihn aber das Gefühl, machtlos zu sein. Denn Andrej Alexiejew und seine Freunde jagen ein Phantom. Der Mann, den sie mit ihrem Protest aufrütteln wollen, wohnt in dem Apartmenthaus auf der anderen Straßenseite. Doch Rinat Achmetow ist nicht zu Hause. Der Unternehmer, obwohl noch keine fünfzig Jahre alt, beherrscht die Kohle- und Stahlindustrie in der Ukraine und etlichen Nachbarländern. Sein Vermögen wird auf 16 Milliarden Dollar geschätzt.

Bis der Streit um die außenpolitische Allianz der Ukraine im Dezember gewalttätig wurde, galt Rinat Achmetow als Unterstützer des gestürzten ukrainischen Präsidenten Viktor Janukowitsch. Seither fehlt von dem Oligarchen jede Spur.

Mittags hatte Andrej Alexiejew über Twitter erfahren, dass Achmetows Privatjet auf einem Flugplatz außerhalb von London gelandet war. "Da habe ich die Truppe mobilisiert", sagt er. "Der Mann hat so viel Einfluss, und deshalb trägt er auch eine Verantwortung für sein Volk."

Ob die Demonstranten vor seinem Haus Rinat Achmetow beeindruckt hätten, weiß keiner. Ob er unterdessen das politische Lager gewechselt hat oder darauf zählt, dass das geopolitische Schachspiel von Präsident Putin aufgeht, ist auch nicht klar. Sicher erscheint nur, dass Achmetow in der aktuellen Version des Kalten Krieges zwischen Russland und dem Westen in kürzester Zeit zu einem Bauernopfer werden wird.

Bisher haben die EU und die Vereinigten Staaten gezielte Sanktionen gegen insgesamt 32 ukrainische und russische Personen verhängt, die direkt an der Annektierung der Krim durch den Kreml beteiligt sind. Ihre Bankkonten im Westen wurden eingefroren und ihre Vermögenswerte beschlagnahmt. "Traditionell setzt sich die Verschärfung von Sanktionen in konzentrischen Kreisen fort", erklärt ein Beamter des Außenministeriums in London. "Mit jeder neuen Runde wird die Zielgruppe erweitert."

Ein Rechtsstreit – um unglaubliche 6,5 Milliarden Dollar

Früher oder später werden also auch die Interessen des Phantoms Achmetow betroffen sein, genau wie das Geld von all den anderen russischen und ukrainischen Oligarchen, die London zu ihrer inoffiziellen westlichen Hauptstadt, zu "Londongrad" gemacht haben. Sie wohnen hier, weil sie in Großbritannien kaum Steuern zahlen müssen, außerdem bietet die City of London für ihr Geld den besten Zugang zum internationalen Finanzmarkt. Die Aktien der 50 größten russischen Unternehmen werden an der Londoner Börse gehandelt. Von den 63 Milliarden Dollar, die hier in den vergangenen fünf Jahren durch Börsengänge neu investiert wurden, entstanden allein 13 Prozent durch die Notierungen des russischen Mobiltelefonbetreibers OAO Mega Fon und des Düngemittelmultis OAO Phosagro.

"London ist zur Stadt der Geldkofferträger für die globale Elite geworden", sagt William Cash, Herausgeber von Spear’s Wealth Management Survey, einem Hochglanzmagazin für die Superreichen. "Nirgends auf der Welt findet man bessere Verwalter für sein Geld als hier." Zu den Dienstleistungen, für die London besonders bekannt ist, gehört das Gebiet des Rechts. In 61 Prozent aller Fälle, über die das oberste Handelsgericht im vergangenen Jahr entschied, ging es um Streitigkeiten zwischen Unternehmen aus Mittel- und Osteuropa. In dem Kampf der Titanen unter den Oligarchen, der Anklage des russischen Oligarchen Boris Beresowski gegen den fußballfanatischen Eigentümer des FC Chelsea, Roman Abramowitsch, betrug der Streitwert unglaubliche 6,5 Milliarden Dollar. Vor demselben Gericht streiten sich derzeit auch drei ukrainische Milliardäre, Viktor Pintschuk, Gennadi Bogoljubow und Igor Kolomoisky. Es geht um zwei Milliarden Dollar.