DIE ZEIT: Herr Kühnapfel, Sie sind Professor für Betriebswirtschaftslehre und halten regelmäßig Vorlesungen über Partnerschaftsökonomie. Warum?

Jörg Kühnapfel: Viele Menschen versuchen, ihre Partnerschaften allein auf der Basis von Liebe zu führen. Ich glaube, das reicht nicht. Und die hohen Scheidungsraten sagen das auch. Viele Methoden aus dem Controlling lassen sich nicht nur in Unternehmen, sondern auch im Management von Paarbeziehungen anwenden. Ich spreche deshalb in meinen Veranstaltungen auch vom Partnerschafts-Controlling.

ZEIT: Was können Sie als Wirtschaftswissenschaftler empfehlen, das ein Paartherapeut oder Psychologe nicht wüsste?

Kühnapfel: Jeder Betriebswirt kennt zum Beispiel die Nutzwertanalyse. Dabei wird genau ermittelt, welcher Nutzen für die Zukunft von einer bestimmten Investition zu erwarten ist. Auch bei der Partnerwahl wägen wir Kosten und Nutzen gegeneinander ab, um zu entscheiden, ob wir eine Beziehung eingehen oder fortsetzen wollen. Wir sollten das bewusst tun. Stattdessen machen wir uns oft etwas vor. Wenn Paare zum Beispiel die Chance bewerten, dass ihre Beziehung auch in Zukunft gut läuft, blicken sie oft auf schöne Erlebnisse in der Vergangenheit zurück. Sie erinnern sich an einen besonders gelungenen Urlaub und fahren sogar noch mal an denselben Ort, um noch einmal in die Stimmung von damals zu kommen. Solche Paare kommen oft sehr enttäuscht zurück. Wir Betriebswerte sprechen in solchen Fällen von einem "Rückschaufehler". Wichtiger ist es, systematisch in die Zukunft zu blicken.

ZEIT: Liebe heißt doch, dass die Partner gerade nicht ständig den persönlichen Nutzen maximieren.

Kühnapfel: Früher oder später wägt jeder den Nutzen gegen die Kosten einer Lebensgemeinschaft ab. Was bekomme ich, worauf muss ich verzichten? Diese Fragen stellt man sich bewusst oder unbewusst. Aber wenn Paare ihre Wünsche ganz offen verhandeln, finden sie eher einen gemeinsamen Weg. Auch dabei können Methoden des Controllings helfen. Man weiß heute eine Menge über zielführende Verhandlungstechniken, gerade für Paarbeziehungen. Ein Grundsatz lautet: Forderungen und Befürchtungen müssen von Anfang an auf den Tisch. Nachkarten und Bluffen sind dagegen verboten.

ZEIT: Führen Sie persönlich mit Ihrer Partnerin solche Verhandlungen?

Kühnapfel: Ja, wenn es nötig ist, nehmen wir uns Zeit und versuchen, sehr systematisch unsere Interessen abzugleichen. Meine Partnerin ist auch Professorin, und wir gehen an die Dinge zum Glück sehr ähnlich heran. Ich muss allerdings zugeben, dass frühere Freundinnen sich mit meinem Ansatz sehr schwergetan haben.

Jörg Kühnapfel, Professor für General Management mit Schwerpunkt Vertriebscontrolling an der Fachhochschule Ludwigshafen am Rhein